Veröffentlicht am Mai 18, 2024

Die wahre Innovation der Schweizer Spitzenküche liegt nicht in spektakulären Techniken, sondern in einer radikalen Neudefinition von Wert, die das gesamte Ökosystem von der Zutat bis zum Geschäftsmodell umfasst.

  • Ein hoher Menüpreis finanziert primär Talent und Handwerk, nicht nur die Zutaten.
  • Pflanzliche Menüs und alkoholfreie Begleitungen sind keine Trends, sondern Ausdruck höchster kulinarischer Kompetenz.

Empfehlung: Betrachten Sie den Preis eines Menüs als Investition in ein fragiles kulturelles Gut, das Authentizität, Nachhaltigkeit und die Weiterentwicklung des Handwerks sichert.

Ein Blick auf die Karte eines Schweizer Spitzenrestaurants kann den unvorbereiteten Gast innehalten lassen. 300 Franken für ein Menü? Die Frage, die sich unweigerlich stellt, ist oft von einem Hauch Misstrauen geprägt: Wie kann dieser Preis gerechtfertigt sein, wenn die reinen Zutaten nur einen Bruchteil davon ausmachen? Viele vermuten die Antwort in den schillernden Techniken der Molekularküche – in Schäumen, Gels und Sphären, die das traditionelle Handwerk abgelöst zu haben scheinen. Doch diese Annahme greift zu kurz. Sie übersieht, dass der Spagat zwischen Tradition und Avantgarde in der Schweiz längst nicht mehr auf dem Teller allein ausgetragen wird.

Die eigentliche Revolution findet im Verborgenen statt, in der unsichtbaren Ökonomie, die ein solches Restaurant am Leben erhält. Sie manifestiert sich in der Art und Weise, wie Wert definiert wird – nicht nur der Wert einer Zutat, sondern auch der Wert von Talent, Zeit, Risiko und Nachhaltigkeit. Die wahre Alchemie der Schweizer Spitzenküche liegt heute weniger in der Stickstoff-Küche als in der meisterhaften Komposition eines gesamten Wert-Ökosystems. Es ist ein System, das ebenso genial wie fragil ist und in dem der Gast eine entscheidendere Rolle spielt, als ihm vielleicht bewusst ist.

Dieser Artikel entschlüsselt die komplexe Realität hinter den Kulissen der Schweizer Haute Cuisine. Wir analysieren die Kostenstruktur, die den Preis diktiert, erkunden die neue Welt der alkoholfreien Essensbegleitungen und pflanzlichen Sternemenüs und beleuchten die ökonomischen Bedrohungen, die dieses System gefährden. Anstatt eine oberflächliche Trennlinie zwischen „traditionell“ und „modern“ zu ziehen, zeigen wir auf, wie Schweizer Spitzenköche beides verschmelzen, um etwas weitaus Wichtigeres zu schaffen: ein nachhaltiges Modell für die Zukunft des Genusses.

Um die vielschichtigen Aspekte dieser kulinarischen Welt zu verstehen, gliedert sich unsere Analyse in mehrere Schlüsselbereiche, die zusammen ein umfassendes Bild ergeben.

Warum kostet ein Menü 300 Franken, wenn die Zutaten nur 50 kosten?

Die Kalkulation eines Gourmet-Menüs ist eine der am häufigsten missverstandenen Facetten der Spitzengastronomie. Der Fokus auf den reinen Warenwert der Zutaten ist irreführend, denn er ignoriert den weitaus grössten Kostenblock: die Menschen. In der Schweizer Gastronomie machen die Personalkosten den Löwenanteil aus. Eine hochqualifizierte Brigade – vom Chef de Partie bis zum Pâtissier – arbeitet mit einer Präzision und einem Engagement, die in kaum einer anderen Branche zu finden sind. Diese Expertise, oft über Jahre in harten Lehrbetrieben erworben, ist das eigentliche Kapital eines Restaurants. Laut Branchenrichtwerten ist es keine Seltenheit, dass der Warenaufwand nicht mehr als 25 bis 30 Prozent des Umsatzes beträgt, während Personalkosten bis zu 51 Prozent des Umsatzes erreichen können.

Zu diesen „unsichtbaren Kosten“ zählen aber nicht nur die Löhne. Mieten an exklusiven Lagen, Energiekosten, die ständige Erneuerung von Inventar und nicht zuletzt das unternehmerische Risiko des Restaurateurs fliessen in den Preis mit ein. Jeder Teller ist das Ergebnis von unzähligen Stunden der Kreation, des Testens und Verwerfens. Der Preis deckt auch die Leerstunden, die kreative Entwicklung und die Investition in einzigartiges Geschirr oder Besteck, das oft von lokalen Handwerkern gefertigt wird und die Philosophie des Hauses unterstreicht.

Der Teller selbst ist oft nur die Spitze des Eisbergs, ein physischer Repräsentant für immaterielle Werte wie Kreativität, Handwerk und Zeit. Das handgefertigte Keramikgeschirr, auf dem ein Gang serviert wird, symbolisiert diese verborgene Wertschöpfung perfekt.

Nahaufnahme einer handgefertigten Keramikschale mit kunstvollen Texturen auf einer dunklen Schieferoberflaeche, daneben feine Kuechenutensilien aus Kupfer

Wie dieses Bild zeigt, sind es die Details, die Texturen und die Spuren menschlicher Arbeit, die den wahren Luxus ausmachen. Der Preis eines Menüs ist also weniger eine Bezahlung für Lebensmittel als vielmehr ein Beitrag zur Erhaltung eines komplexen Wert-Ökosystems, das auf menschlichem Talent und kompromissloser Hingabe beruht. Wer dies versteht, isst nicht nur, sondern investiert in Kultur.

Wie ersetzen fermentierte Säfte den Wein im Gourmetmenü adäquat?

Die Vorstellung einer hochkarätigen Speisebegleitung ohne Alkohol war lange Zeit undenkbar. Zu dominant schien die Rolle des Weins mit seiner Komplexität aus Säure, Tannin und Terroir. Doch eine stille Revolution in den Gläsern beweist das Gegenteil: Die alkoholfreie Begleitung emanzipiert sich von der Rolle des faden Ersatzes und wird zur eigenständigen, hochkomplexen Disziplin. Angeführt von visionären Sommeliers, entsteht eine neue „Genuss-Architektur“ in flüssiger Form, die auf Fermentation, Infusionen und präziser Aromenextraktion basiert.

Ein herausragendes Beispiel ist das Dreisternerestaurant Memories von Sven Wassmer, wo die Gäste eine dem Wein ebenbürtige alkoholfreie Begleitung wählen können. Hier werden Kompositionen wie Yuzu-Flieder-Kräutertee oder Wasserkefir mit Pflaumen kreiert, die nicht versuchen, Wein zu imitieren, sondern eigenständige, präzise auf den jeweiligen Gang abgestimmte Geschmackswelten eröffnen. Der Aufwand dahinter ist immens: Die Herstellung dieser Getränke ist oft zeitintensiver als die Pflege eines Weinkellers und erfordert ein tiefes Verständnis biochemischer Prozesse.

Die kreativen Möglichkeiten sind dabei schier unbegrenzt, wie der Experte Elias Heintz in einem Fachmagazin treffend bemerkt:

Es gibt viel mehr alkoholfreie Aromen als alkoholische.

– Elias Heintz, Meininger’s fizzz – Alkoholfreie Speisebegleitung

Diese Vielfalt ermöglicht es, Brücken zu Zutaten zu schlagen, bei denen sich selbst grosse Weine schwertun. Was einst als Nische für Autofahrer oder Schwangere galt, wird zunehmend zur ersten Wahl für anspruchsvolle Geniesser. Eine Beobachtung in führenden Restaurants zeigt, dass rund ein Drittel der Gäste bereits das alkoholfreie Pairing wählt. Dies ist kein Trend, sondern die logische Konsequenz des Strebens nach dem perfekten Geschmackserlebnis – mit oder ohne Alkohol.

Kann ein rein pflanzliches Menü im Sternebereich mit Fleisch mithalten?

Die Frage, ob ein Menü ohne die klassischen Luxusprodukte wie Foie Gras, Hummer oder Filet Mignon überhaupt das Niveau der Spitzengastronomie erreichen kann, wurde lange mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Das pflanzliche Menü fristete ein Dasein als gut gemeinte, aber kulinarisch unterlegene Alternative. Doch diese Wahrnehmung ist überholt. In der Schweiz beweisen Köche eindrücklich, dass eine rein pflanzliche Küche nicht nur mithalten kann, sondern oft sogar eine höhere kreative und handwerkliche Leistung darstellt.

Das beste Beispiel ist das Restaurant Magdalena in Rickenbach bei Schwyz. Dominik und Adriana Hartmann, beide aus der Talentschmiede von Andreas Caminada stammend, haben es geschafft, mit einer ausschliesslich pflanzlichen Küche zwei Michelin-Sterne zu erobern – eine in der Schweiz einzigartige Leistung. Ihr Ansatz zeigt, dass der Verzicht auf tierische Produkte nicht als Mangel, sondern als kreativer Katalysator wirkt. Er zwingt die Küche, das volle Potenzial von Gemüse, Wurzeln und Kräutern durch Techniken wie Fermentation, Trocknung und präzise Extraktion auszuschöpfen. Das Ergebnis sind Gerichte von einer aromatischen Tiefe und Komplexität, die Fleisch oder Fisch in keiner Weise vermissen lassen.

Diese Entwicklung ist mehr als nur eine Antwort auf den veganen Zeitgeist. Sie ist Ausdruck einer neuen kulinarischen Haltung, die Regionalität und Nachhaltigkeit nicht als Marketing-Schlagwörter begreift, sondern als kompromisslose Grundlage des Handelns. Der Molekularkoch Rolf Caviezel fasst diese Philosophie prägnant zusammen:

Regionalität, Saison, Vegi, Vegan, Nachhaltigkeit erwähnen wir nicht. Wir TUN es einfach.

– freestylecooking GmbH (Rolf Caviezel), freestylecooking.ch – Schweizer Elementeküche

Ein pflanzliches Sternemenü ist somit die ultimative Demonstration von Können. Es beweist, dass wahrer Luxus nicht von der Seltenheit einer Zutat abhängt, sondern von der Intelligenz und dem Handwerk, mit dem sie veredelt wird. Es ist der Beweis, dass das „Terroir-Kapital“ der Schweiz auch – und vielleicht sogar am intensivsten – im Pflanzenreich zu finden ist.

Der Fehler des „No-Show“: Warum Restaurants jetzt Kreditkarten belasten

Während Köche und Sommeliers die Grenzen des Genusses neu definieren, bedroht ein scheinbar triviales Problem die „ökonomische Fragilität“ des gesamten Systems: der „No-Show“. Gemeint ist das unentschuldigte Nichterscheinen von Gästen, die einen Tisch reserviert haben. Was für den Gast eine kleine Unachtsamkeit sein mag, ist für ein Spitzenrestaurant eine wirtschaftliche Katastrophe. Jeder leere Tisch bedeutet nicht nur entgangenen Umsatz, sondern auch, dass teuer eingekaufte, hochsensible Produkte entsorgt und Personalkosten umsonst aufgewendet wurden. In einem Sektor mit ohnehin knappen Margen ist dies ein direkter Angriff auf die Existenzgrundlage.

Das Problem hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschärft. Laut einer Erhebung des Schweizer Reservationssystems Lunchgate hat sich die No-Show-Rate seit der Pandemie verfünffacht. Diese Entwicklung zwingt immer mehr Gastronomen zu Massnahmen, die lange als unüblich galten: die Hinterlegung von Kreditkartendaten bei der Reservation und die Erhebung von „No-Show-Gebühren“ bei Nichterscheinen. Diese Praxis ist keine Schikane, sondern ein notwendiger Schutzmechanismus für das Geschäftsmodell.

Ein perfekt eingedeckter leerer Tisch in einem eleganten Schweizer Restaurant mit gedaempftem Licht und unbenutztem Gedeck

Die Höhe dieser Gebühren kann empfindlich sein und orientiert sich oft am erwarteten Mindestumsatz. Sie sind ein klares Signal, dass eine Reservation ein verbindlicher Vertrag ist. Die folgende Übersicht zeigt, wie unterschiedlich Schweizer Spitzenbetriebe mit dem Problem umgehen, wie eine von watson.ch veröffentlichte Analyse aufzeigt.

No-Show-Gebühren in Schweizer Restaurants im Vergleich
Restaurant Standort No-Show-Gebühr Stornierungsfrist
Michel Péclard (Betriebe) Zürich 50–100 CHF pro Person Je nach Betrieb
Truube Gais, Appenzell (1 Stern) 100 CHF pro Person 2 Tage vor Termin
Restaurant Sens (Vitznauerhof) Vitznau (2 Sterne) 245 CHF (günstigstes Menü) 24 Stunden
Restaurant Verena Olten (15 GaultMillau-Punkte) 100 CHF pro Person Gemäss AGB
Dolder Grand Restaurants Zürich Anzahlung via Tock-System Gemäss Buchungssystem

Letztlich geht es um Respekt – Respekt vor der Arbeit, den Produkten und dem wirtschaftlichen Risiko, das ein Gastronom eingeht, um ein aussergewöhnliches Erlebnis zu ermöglichen. Eine rechtzeitige Absage ist eine kleine Geste mit grosser Wirkung für die Gesundheit des gesamten gastronomischen Ökosystems.

Wann lohnt sich die harte Lehre in der Spitzengastronomie für junge Talente?

Lange Arbeitszeiten, enormer Druck und ein rauer Umgangston – die Lehre in der Spitzengastronomie ist notorisch hart. Angesichts der anspruchsvollen Bedingungen stellt sich für junge Talente zunehmend die Frage: Lohnt sich diese Aufopferung überhaupt noch? Die Antwort ist ein klares „Ja“, aber mit einer wichtigen Einschränkung: Es lohnt sich vor allem dann, wenn der Betrieb nicht nur ausbeutet, sondern als echtes Mentoren-Netzwerk fungiert.

Die Ausbildung in einer Spitzenküche ist weit mehr als nur das Erlernen von Kochtechniken. Sie ist eine Schule der Disziplin, der Präzision, der Organisation und der mentalen Stärke. Wer diese Phase erfolgreich durchläuft, erwirbt ein unschätzbares Rüstzeug für die gesamte Karriere. Der entscheidende Faktor ist jedoch der „Alumni-Effekt“, der von grossen Küchenchefs ausgeht. Diese fungieren als Karriere-Beschleuniger für ihre Zöglinge.

Ein Paradebeispiel in der Schweiz ist Andreas Caminada. Sein Schloss Schauenstein ist nicht nur ein Dreisterne-Restaurant, sondern eine Kaderschmiede, die einige der erfolgreichsten Köche des Landes hervorgebracht hat. Namen wie Sven Wassmer (3 Sterne), Nenad Mlinarevic oder die Hartmanns vom Magdalena (2 Sterne) sind alle durch seine Schule gegangen. Eine Anstellung bei einem solchen Mentor öffnet Türen, schafft ein internationales Netzwerk und verleiht dem Lebenslauf ein Gütesiegel, das durch keine andere Ausbildung zu ersetzen ist.

Die harte Lehre lohnt sich also dann, wenn sie eine Investition in das eigene „Humankapital“ ist. Es geht nicht darum, jahrelang als billige Arbeitskraft zu dienen, sondern darum, sich in ein Ökosystem zu integrieren, das Leistung fördert und belohnt. Junge Talente sollten ihre Ausbildungsbetriebe daher nicht nur nach Sternen und Punkten auswählen, sondern vor allem danach, welche Karrieren aus ihnen hervorgegangen sind. Der Lohn ist anfangs vielleicht gering, aber die langfristige „Rendite“ in Form von Netzwerk, Reputation und Können ist unbezahlbar.

Warum führt das Schweizer Wettbewerbswesen zu besseren öffentlichen Bauten?

Auf den ersten Blick scheint die Welt der öffentlichen Bauausschreibungen weit von derjenigen der Haute Cuisine entfernt zu sein. Doch bei genauerer Betrachtung offenbaren sich erstaunliche Parallelen in der zugrundeliegenden Philosophie. Das Schweizer Wettbewerbswesen für Architektur ist international bekannt für seine Fähigkeit, eine hohe gestalterische und funktionale Qualität im öffentlichen Raum zu sichern. Anstatt Projekte primär an den günstigsten Anbieter zu vergeben, fördert das System einen Wettstreit der Ideen, bei dem Kriterien wie Nachhaltigkeit, städtebauliche Integration und langfristiger Nutzen im Vordergrund stehen.

Dieser Fokus auf Qualität statt auf den reinen Preis ist ein Prinzip, das sich direkt auf die Spitzengastronomie übertragen lässt. So wie ein anonymer Architekturwettbewerb sicherstellt, dass das beste Konzept – und nicht nur der bekannteste Name – gewinnt, so sorgt der unerbittliche Wettbewerb in der Gastronomie dafür, dass nur kompromisslose Qualität und Innovation zum Erfolg führen. Ein Michelin-Stern oder hohe GaultMillau-Punkte lassen sich nicht allein durch teure Zutaten erkaufen; sie sind das Ergebnis eines überlegenen Konzepts und einer perfekten Ausführung.

Man könnte argumentieren, dass ein herausragendes Restaurant für eine Gemeinde einen ähnlichen kulturellen und identitätsstiftenden Wert hat wie ein gut gestaltetes Museum oder eine öffentliche Bibliothek. Beide sind Orte der Begegnung, des Austauschs und der Exzellenz, die die Attraktivität eines Standorts steigern. Die transparente und leistungsorientierte Kultur des Wettbewerbswesens schafft die Grundlage für öffentliche Bauten, auf die eine Gemeinschaft stolz sein kann. In ähnlicher Weise sorgt der „Wettbewerb“ in der Gastronomie dafür, dass die kulinarische Landschaft der Schweiz dynamisch und qualitätsgetrieben bleibt – ein öffentliches Gut im weiteren Sinne.

Das Risiko beim Abricotine: Wie erkennen Sie echten Walliser Brand?

Die Wertschätzung für regionale Produkte ist ein Grundpfeiler der modernen Schweizer Küche. Doch mit der steigenden Nachfrage wächst auch die Gefahr von Fälschungen und minderwertigen Imitationen. Ein Paradebeispiel ist die Abricotine, das berühmte Aprikosendestillat aus dem Wallis. Nicht jeder Brand, der nach Aprikose duftet, verdient diesen Namen. Der echte „Abricotine AOP“ ist ein streng geschütztes Produkt, dessen Qualität und Herkunft durch ein detailliertes Pflichtenheft garantiert wird. Dieses „Terroir-Kapital“ zu erkennen, ist für den Geniesser entscheidend.

Die wichtigste Regel zur Identifizierung von Authentizität liegt in der Sorte. Echter Abricotine AOP muss zu mindestens 90 Prozent aus der Walliser Aprikosensorte Luizet bestehen. Diese historische Sorte, die im sonnigen und trockenen Klima des Kantons besonders intensive Aromen entwickelt, ist das Herzstück des Destillats. Zudem muss die gesamte Wertschöpfungskette, vom Anbau der Früchte über die Lagerung und Destillation bis zur Abfüllung, zwingend im Kanton Wallis stattfinden. Produkte, die als „Aprikosengeist“ oder mit Fantasienamen verkauft werden, erfüllen diese strengen Kriterien oft nicht.

Reife goldene Luizet-Aprikosen auf einem rustikalen Holztisch neben einem kupfernen Destillierkolben im Walliser Sonnenlicht

Das AOP-Siegel (Appellation d’Origine Protégée) ist daher das verlässlichste Merkmal für den Konsumenten. Es garantiert nicht nur die geografische Herkunft, sondern auch die Einhaltung traditioneller Herstellungsverfahren und die Verwendung der vorgeschriebenen Rohstoffe. Beim Kauf sollte man also stets nach diesem offiziellen Logo auf der Flasche Ausschau halten. Es ist der Garant für ein authentisches, unverfälschtes Geschmackserlebnis.

Ihr Plan zur Echtheitsprüfung regionaler Spezialitäten

  1. Siegel prüfen: Suchen Sie gezielt nach offiziellen Schutzsiegeln wie AOP (GUB) oder IGP (GGA). Dies ist der erste und wichtigste Anhaltspunkt für garantierte Herkunft und Qualität.
  2. Zutatenliste analysieren: Lesen Sie das Kleingedruckte. Steht dort die spezifische, geschützte Sorte (z.B. „Luizet-Aprikosen“) oder nur eine allgemeine Bezeichnung („Aprikosen“)?
  3. Produktionsort hinterfragen: Überprüfen Sie, ob der auf dem Etikett angegebene Hersteller tatsächlich im geschützten geografischen Gebiet ansässig ist. Eine schnelle Online-Suche hilft hier oft weiter.
  4. Preis als Indikator nutzen: Seien Sie misstrauisch bei extrem günstigen Angeboten. Ein authentisches, handwerklich hergestelltes Produkt mit AOP-Status hat seinen Preis, der die Qualität und den Aufwand widerspiegelt.
  5. Direkt beim Erzeuger kaufen: Die sicherste Methode ist der Kauf direkt ab Hof oder bei einem vertrauenswürdigen Fachhändler, der die Herkunft seiner Produkte lückenlos nachweisen kann.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der hohe Preis eines Gourmet-Menüs deckt vor allem die „unsichtbaren Kosten“ für Talent, Handwerk und unternehmerisches Risiko, nicht nur die Zutaten.
  • Innovation zeigt sich nicht nur in Kochtechniken, sondern auch in hochkomplexen alkoholfreien Speisebegleitungen und rein pflanzlichen Menüs auf höchstem Niveau.
  • Das „No-Show“-Problem ist eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung für das fragile Ökosystem der Spitzengastronomie, was Gebühren bei Nichterscheinen rechtfertigt.

Warum schmecken regionale Zutaten nicht nur besser, sondern sind auch gesünder?

Das Credo der Regionalität und Saisonalität ist zum Mantra der modernen Spitzenküche geworden. Doch warum ist das so? Ist es nur eine romantische Rückbesinnung auf das „Gute von früher“ oder steckt mehr dahinter? Die Antwort ist eine Kombination aus Biologie und Handwerk. Regionale Produkte, die auf dem Höhepunkt ihrer Reife geerntet und sofort verarbeitet werden, haben einen entscheidenden Vorteil: Sie besitzen eine höhere Nährstoffdichte und ein intensiveres, komplexeres Aroma als importierte Waren, die für lange Transportwege unreif geerntet werden müssen.

Sven Wassmer, dessen alpine Küche im Restaurant Memories mit drei Michelin-Sternen und einem grünen Stern für Nachhaltigkeit ausgezeichnet wurde, treibt diesen Gedanken auf die Spitze. Sein Konzept basiert auf einer kompromisslosen Regionalität, die zeigt, wie Zutaten aus der unmittelbaren alpinen Umgebung globalen Spitzenprodukten geschmacklich überlegen sein können. Die extremen klimatischen Bedingungen der Berge zwingen die Pflanzen, intensivere Aromen und Schutzstoffe zu entwickeln – ein „Terroir-Kapital“, das der Koch nur noch freilegen muss.

Die wahre Kunst liegt jedoch darin, diese ursprüngliche Qualität nicht nur zu bewahren, sondern sie zu transformieren und zu potenzieren. Hier kommen moderne Techniken ins Spiel, die oft fälschlicherweise als „unnatürlich“ abgetan werden. Ben Reade vom Nordic Food Lab, einer der Vordenker dieser Bewegung, bringt es auf den Punkt:

Die aktuellste Tendenz zur Gewinnung neuer Geschmacksreize seien biotechnologische Verfahren. Das Zauberwort heisst Fermentation.

– Ben Reade, Nordic Food Lab / Gourmetwelten – Gastronomie der Zukunft

Durch Fermentation werden nicht nur neue, tiefgründige Umami-Noten erzeugt (das berühmte „Koji“), sondern die Nährstoffe werden auch bioverfügbarer gemacht, was die Produkte bekömmlicher und gesünder macht. Der Spagat zwischen Tradition (regionale Zutat) und Moderne (biotechnologisches Wissen) ist also keiner. Es ist eine Symbiose, die zu einem Ergebnis führt, das geschmacklich, ökologisch und gesundheitlich überlegen ist. Der bessere Geschmack regionaler Zutaten ist somit keine Einbildung, sondern das logische Resultat von Frische und Veredelung.

Betrachten Sie Ihren nächsten Besuch in einem Spitzenrestaurant daher nicht als blosse Ausgabe, sondern als bewusste Teilhabe an diesem einzigartigen kulturellen Ökosystem. Erkunden Sie die Menüs, hinterfragen Sie die Kompositionen und investieren Sie mit Ihrem Besuch in die Zukunft des Geschmacks.

Geschrieben von Marianne Gschwend, Agraringenieurin FH und Food-Journalistin mit Leidenschaft für Biodiversität, Regionalität und Kulinarik. Sie ist Expertin für nachhaltige Landwirtschaft und "Farm-to-Table"-Konzepte.