Der Schlüssel zur globalen Wettbewerbsfähigkeit für Schweizer KMU liegt nicht in der Imitation ausländischer Digitalisierungsmodelle, sondern in der gezielten Ausnutzung des einzigartigen nationalen Innovationsökosystems.
- Der Technologietransfer aus Hochschulen wie der ETH Zürich schafft nachhaltigere, wissensintensive Unternehmen als rein private Initiativen.
- Branchenspezifische Cluster und die strategische Wahl zwischen öffentlicher Förderung (Innosuisse) und Venture Capital sind unkopierbare Standortvorteile.
Empfehlung: Konzentrieren Sie sich weniger auf die Kostenreduktion und mehr auf die Schaffung einer technologischen Nischen-Dominanz, die auf dem tiefen Forschungs- und Entwicklungs-Know-how der Schweiz aufbaut.
Der starke Franken, hohe Lohnkosten und der intensive globale Wettbewerb – für viele Schweizer Klein- und Mittelunternehmen (KMU) gleicht das Marktumfeld einem permanenten Stresstest. Die gängige Antwort darauf lautet oft pauschal „Digitalisierung“. Doch dieser Rat greift zu kurz. Einfach nur digitale Prozesse zu adaptieren, die anderswo günstiger umgesetzt werden können, ist keine nachhaltige Strategie. Es stellt sich also die entscheidende Frage: Warum gelingt es so vielen Schweizer Unternehmen trotzdem, an der Weltspitze mitzuspielen und hochprofitabel zu sein?
Die Antwort liegt nicht in der generischen Digitalisierung, sondern in der intelligenten Verknüpfung von traditionellen Stärken mit einem weltweit einzigartigen Innovationsökosystem. Es geht darum, schwer kopierbare digitale Nischen zu besetzen. Die wahre Stärke der Schweiz liegt nicht nur in der „Swiss Made“-Qualität, sondern in der strukturellen Nähe von Spitzenforschung, pragmatischer staatlicher Förderung und einer hochspezialisierten Industrielandschaft. Der Erfolg hängt davon ab, diesen Standortvorteil strategisch zu nutzen.
Dieser Artikel analysiert die Mechanismen, die Schweizer KMU erfolgreich machen. Wir beleuchten, warum Ausgründungen aus der ETH oft nachhaltiger sind, wie traditionelle Betriebe ihre Identität wahren und trotzdem digitalisieren können, und welche Finanzierungswege in welcher Phase am sinnvollsten sind. Es ist eine Analyse der entscheidenden Hebel, die es Unternehmern und Investoren ermöglichen, den Standort Schweiz nicht als Kostenfaktor, sondern als strategisches Asset zu begreifen.
Die folgende Analyse bietet einen tiefen Einblick in die Erfolgsfaktoren und strategischen Entscheidungen, die hinter der robusten Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft stehen. Entdecken Sie die konkreten Wege, wie Innovation hierzulande strukturiert und zum Markterfolg geführt wird.
Inhaltsverzeichnis: Die Bausteine der Schweizer Nischen-Dominanz
- Warum führen ETH-Ausgründungen öfter zum Markterfolg als private Initiativen?
- Wie nutzen Schweizer Unternehmen die Nähe zur ETH Zürich für echte Innovationen?
- Warum ballern sich Pharmafirmen in Basel und was bringt das?
- Wie transformieren Sie einen analogen Handwerksbetrieb in ein digitales Unternehmen ohne Identitätsverlust?
- Start-up oder etablierter Zulieferer: Mit wem gelingt die digitale Transformation schneller?
- SaaS oder Präzisionsmechanik: Wo liegt das grössere Wachstumspotenzial für Investoren?
- Wann sollten Sie Innosuisse-Förderung statt Venture Capital beantragen?
- Der kulturelle Fehler, Insolvenz als Stigma statt als Erfahrung zu sehen
Warum führen ETH-Ausgründungen öfter zum Markterfolg als private Initiativen?
Der Erfolg von ETH-Spin-offs ist kein Zufall, sondern das Resultat eines sorgfältig gepflegten Ökosystems. Im Gegensatz zu vielen privaten Start-ups, die oft aus einer reinen Geschäftsidee entstehen, basieren ETH-Ausgründungen typischerweise auf jahrelanger, tiefgreifender Forschung und validierter Technologie. Dieser Wissensvorsprung schafft von Beginn an eine hohe Eintrittsbarriere für Konkurrenten. Die Gründer sind meist die weltweit führenden Experten in ihrer Nische und bringen nicht nur eine Idee, sondern eine funktionierende Lösung mit.
Dieser wissenschaftliche Tiefgang führt zu nachhaltigerem Wachstum. Eine Studie der Universität St. Gallen zeigt, dass ETH-Spin-offs im Schnitt deutlich mehr Arbeitsplätze schaffen als andere Schweizer Jungunternehmen. So entstehen laut einer Analyse der NZZ durchschnittlich 30 Arbeitsplätze pro ETH-Spin-off, was die hohe Substanz dieser Gründungen unterstreicht. Das Ökosystem der ETH bietet zudem weit mehr als nur Technologie: Es stellt ein Netzwerk aus Mentoren, ersten Kunden und Zugang zu spezialisierten Finanzierungsinstrumenten bereit, was die kritische Frühphase absichert.
Die folgende Darstellung symbolisiert diese einzigartige Verbindung aus traditioneller Schweizer Präzision und zukunftsweisender Technologie, die das Fundament für den Erfolg von ETH-Ausgründungen bildet.

Wie das Bild andeutet, ist es die nahtlose Integration von bewährter Mechanik und digitaler Vernetzung, die den entscheidenden Vorteil ausmacht. Unternehmen, die aus diesem Umfeld hervorgehen, sind nicht nur technologisch führend, sondern auch in ein stabiles Support-System eingebettet, das private Initiativen oft erst mühsam aufbauen müssen. Dieser strukturierte Technologietransfer von der Forschung in die Wirtschaft ist einer der wichtigsten Pfeiler der Schweizer Innovationskraft.
Wie nutzen Schweizer Unternehmen die Nähe zur ETH Zürich für echte Innovationen?
Die physische Nähe zu Exzellenzzentren wie der ETH Zürich ist ein oft unterschätzter, aber entscheidender Standortvorteil für etablierte Schweizer Unternehmen. Es geht hierbei um weit mehr als nur um den Zugang zu Absolventen. Die Nähe ermöglicht einen kontinuierlichen, oft informellen Austausch, der den Nährboden für echten Technologietransfer bildet. Unternehmen können an gemeinsamen Forschungsprojekten teilnehmen, Prototypen in den Laboren der Hochschule testen oder gezielt nach Lösungen für spezifische industrielle Herausforderungen suchen.
Diese Symbiose manifestiert sich in konkreten Erfolgsgeschichten. Ein herausragendes Beispiel ist das ETH-Spin-off MYNERVA, das den renommierten Venture Award 2025 gewann. Das Unternehmen hat eine sensorbestückte Socke entwickelt, die Diabetikern hilft, wieder ohne Schmerzen zu gehen. Diese nicht-invasive Neuroprothese lindert die Symptome der diabetischen Neuropathie, verbessert die Mobilität und Lebensqualität der Betroffenen. Dies ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Grundlagenforschung direkt in ein marktfähiges Produkt mit hohem gesellschaftlichem Nutzen mündet.
Fallbeispiel: MYNERVA – Von der ETH-Forschung zum lebensverändernden Produkt
MYNERVA, ein Spin-off der ETH Zürich, hat eine innovative Socke mit Sensoren entwickelt, die speziell für Diabetiker mit Neuropathie konzipiert ist. Diese Nervenerkrankung führt oft zu Schmerzen und einem Verlust des Gefühls in den Füssen. Die Socke funktioniert als nicht-invasive Neuroprothese, die das Gefühl in den Füssen wiederherstellt. Laut den Entwicklern verbessert dies die Mobilität, reduziert das Sturzrisiko und gibt den Patienten ein erhebliches Stück Lebensqualität zurück. Der Erfolg beim Venture Award unterstreicht das immense kommerzielle und soziale Potenzial, das im direkten Technologietransfer von der Hochschule in die Wirtschaft liegt.
Darüber hinaus festigt diese Nähe die Unternehmen am Standort Schweiz. Eine ETH-Studie von 2020 bestätigt, dass 95% der ETH-Spin-offs ihren Hauptsitz in der Schweiz behalten. Sie schaffen hier hochqualifizierte Arbeitsplätze und stärken das lokale Ökosystem, anstatt ihr Wissen ins Ausland abwandern zu lassen. Für etablierte KMU bedeutet dies einen direkten Zugang zu einem Pool an disruptiven Ideen und Technologien, den sie zur Erneuerung ihres eigenen Geschäftsmodells nutzen können.
Warum ballern sich Pharmafirmen in Basel und was bringt das?
Die Konzentration von Pharma- und Life-Science-Unternehmen in der Region Basel ist ein Paradebeispiel für die immense Kraft von Industrie-Clustern. Dieses Phänomen ist weit mehr als eine historische Zufälligkeit; es ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf aus Talent, Kapital und Wissen. Wenn führende Unternehmen wie Novartis und Roche an einem Ort präsent sind, ziehen sie ein ganzes Ökosystem von Zulieferern, spezialisierten Dienstleistern, Logistikunternehmen und hochqualifizierten Arbeitskräften an.
Der entscheidende Vorteil eines solchen Clusters liegt im informellen Wissensaustausch und der „kollaborativen Konkurrenz“. Man trifft sich auf Konferenzen, in Fachverbänden oder sogar im Café. Diese hohe Dichte an Expertise beschleunigt Innovationszyklen und Problemlösungen enorm. Ein Chemiker, der bei einem Grosskonzern ein Problem nicht lösen kann, findet die Lösung möglicherweise im Gespräch mit einem Spezialisten eines kleinen Zulieferers aus der Nachbarschaft. Diese räumliche Nähe schafft Vertrauen und eine gemeinsame Sprache, die für komplexe, interdisziplinäre Projekte unerlässlich ist.
Für KMU innerhalb dieses Clusters bedeutet dies einen unschätzbaren Vorteil. Sie haben direkten Zugang zu Grosskunden, verstehen deren Bedürfnisse aus erster Hand und können ihre Produkte und Dienstleistungen passgenau entwickeln. Gleichzeitig profitieren sie von einem Pool an Fachkräften, die mit den hohen Qualitäts- und Regulierungsstandards der Branche vertraut sind. Eine grosse Studie der FHNW Hochschule für Wirtschaft mit über 2’590 Befragten zeigt die hohe Relevanz der digitalen Transformation für KMU, und in Clustern wie Basel wird diese Transformation durch den ständigen Austausch und den Wettbewerbsdruck massiv beschleunigt.
Letztlich schafft der Cluster-Effekt eine kollektive Resilienz. Während ein einzelnes Unternehmen anfällig für Marktschwankungen sein kann, ist das gesamte Ökosystem in Basel in der Lage, Krisen besser abzufedern und sich kontinuierlich neu zu erfinden. Es ist diese kritische Masse, die den Standort global wettbewerbsfähig macht und ihn als Zentrum für Pharma-Innovationen zementiert.
Wie transformieren Sie einen analogen Handwerksbetrieb in ein digitales Unternehmen ohne Identitätsverlust?
Die Digitalisierung eines traditionellen Handwerksbetriebs ist eine der grössten Herausforderungen für Schweizer KMU. Die Angst, die eigene Identität, die über Generationen aufgebaute Qualität und die persönliche Kundenbeziehung zu verlieren, ist gross. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, die Digitalisierung nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung und Verstärkung der bestehenden Stärken zu begreifen. Es geht nicht darum, alles umzuwerfen, sondern gezielt dort anzusetzen, wo digitale Werkzeuge den grössten Nutzen bringen.
Ein typisches Beispiel ist die Optimierung von Prozessen, die nicht direkt zum Kernhandwerk gehören. Anstatt die Kunst des Schreinerns zu digitalisieren, kann ein Betrieb seine Auftragsverwaltung, die Lagerhaltung oder die Kommunikation mit den Kunden durch cloudbasierte CRM-Systeme massiv effizienter gestalten. Dies setzt wertvolle Zeit frei, die wieder in die eigentliche handwerkliche Qualität und die Kundenberatung investiert werden kann. Die digitale Transformation findet hier im Hintergrund statt und stärkt das Kerngeschäft, anstatt es zu kannibalisieren.
Ein Schweizer KMU mit über 1000 Mitarbeitenden hat beispielsweise durch die Einführung eines komplett digitalisierten Anstellungsprozesses die Effizienz im Recruiting enorm gesteigert. Der Interim-CEO, der für diese Transformation engagiert wurde, konnte so die Organisation modernisieren, ohne das sensible Tagesgeschäft zu stören. Der Fokus lag auf der Verbesserung interner Abläufe, nicht auf der Veränderung der Unternehmens-DNA. Transparente Kommunikation und die Schulung der Mitarbeitenden sind dabei essenziell, um Widerstände abzubauen und das Team auf die Reise mitzunehmen.
Letztlich bedeutet eine erfolgreiche Transformation, die Seele des Handwerks zu bewahren und sie mit den Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts zu verbinden. Die Präzision eines Uhrmachers bleibt analog, aber wie er seine Ersatzteile bestellt und seine Service-Termine verwaltet, kann und sollte digital sein.
Ihr Aktionsplan: Digitalisierung für Handwerksbetriebe
- Potenziale identifizieren: Analysieren Sie, welche administrativen Prozesse (Angebotserstellung, Rechnungslegung, Terminplanung) am meisten Zeit kosten und für eine Digitalisierung geeignet sind.
- Gezielte Werkzeuge evaluieren: Führen Sie eine cloudbasierte Software für die Auftragsverarbeitung (CRM/ERP) ein, die speziell auf die Bedürfnisse von KMU zugeschnitten ist.
- Mitarbeiter einbinden: Kommunizieren Sie die Vorteile der neuen Werkzeuge klar und bieten Sie umfassende Schulungen an, um Ängste abzubauen und die Akzeptanz zu fördern.
- Kundenschnittstelle modernisieren: Erstellen Sie eine professionelle Website mit einem Online-Portfolio und einfachen Kontaktmöglichkeiten, um die analoge Qualität auch digital sichtbar zu machen.
- Iterativ vorgehen: Beginnen Sie mit einem Prozess, messen Sie den Erfolg und erweitern Sie die Digitalisierung schrittweise. Versuchen Sie nicht, alles auf einmal zu ändern.
Start-up oder etablierter Zulieferer: Mit wem gelingt die digitale Transformation schneller?
Wenn ein KMU die digitale Transformation angeht, steht es oft vor der Wahl: Soll es mit einem agilen, innovativen Start-up kooperieren oder auf die Verlässlichkeit eines etablierten IT-Zulieferers setzen? Beide Wege haben Vor- und Nachteile, und die richtige Entscheidung hängt stark von der eigenen Unternehmenskultur und den Projektzielen ab. Die Unzufriedenheit ist gross: Eine FHNW-Studie zur digitalen Transformation zeigt, dass nur 30% der Schweizer KMU wirklich zufrieden mit dem Stand ihrer Digitalisierung sind, was oft auf die falsche Partnerwahl zurückzuführen ist.
Start-ups bringen disruptive Ansätze und eine hohe Agilität mit. Sie denken unkonventionell und können in kurzer Zeit Pilotprojekte und Prototypen umsetzen. Die Zusammenarbeit mit ihnen kann einen enormen Innovationsschub und einen wertvollen Kulturwandel im eigenen Unternehmen auslösen. Der Nachteil liegt oft in der mangelnden Branchenkenntnis und dem hohen Integrationsaufwand ihrer Lösungen in bestehende Legacy-Systeme. Das Risiko eines Scheiterns ist höher, aber der Lerneffekt kann immens sein.
Etablierte Zulieferer hingegen punkten mit Prozesssicherheit und tiefgreifender Branchenkenntnis. Sie verstehen die komplexen Anforderungen eines regulierten Umfelds und bieten oft nahtlos integrierbare Lösungen an. Ihre Vorgehensweise ist auf inkrementelle Verbesserungen und nicht auf Disruption ausgelegt. Das Risiko ist kontrolliert und planbar, aber die Innovationshöhe ist oft geringer. Sie sind die richtige Wahl für die Optimierung von Kernprozessen, bei denen Stabilität und Zuverlässigkeit oberste Priorität haben.
Die strategische Entscheidung lautet also: Suche ich einen Partner für eine radikale Erneuerung meines Geschäftsmodells oder für die schrittweise Optimierung meiner bestehenden Prozesse? Im Idealfall kombiniert ein KMU beide Welten: Es arbeitet mit einem etablierten Partner an der Stabilisierung der Kernsysteme und nutzt gleichzeitig die Zusammenarbeit mit Start-ups, um in separaten Projekten neue, disruptive Geschäftsfelder zu explorieren. Diese duale Strategie minimiert das Risiko und maximiert gleichzeitig das Innovationspotenzial.
SaaS oder Präzisionsmechanik: Wo liegt das grössere Wachstumspotenzial für Investoren?
Für Investoren stellt sich in der Schweiz eine faszinierende Frage: Soll man auf das „neue“ digitale Gold in Form von Software-as-a-Service (SaaS) setzen oder auf die traditionelle, aber hochprofitable Welt der Präzisionsmechanik und des Hightech-Anlagenbaus? Die Antwort ist nicht eindeutig und hängt stark vom Anlagehorizont und der Risikobereitschaft ab. Eine KOF-Studie der ETH Zürich zeigt, dass der Digitalisierungsgrad in KMU noch erhebliches Potenzial hat. Während bei Grossunternehmen der Anteil bei 40% liegt, nutzen bei KMU erst rund 20% konsequent digitale Technologien, was auf einen wachsenden Markt für SaaS-Lösungen hindeutet.
SaaS-Unternehmen zeichnen sich durch hohe Skalierbarkeit und potenziell schnelle Exits aus. Einmal entwickelt, kann die Software mit geringen Grenzkosten an unzählige Kunden weltweit verkauft werden. Dies zieht Venture Capital an, das auf schnelles Wachstum und hohe Bewertungen setzt. Die Standortbindung ist jedoch oft geringer, und die Konkurrenz aus der ganzen Welt ist nur einen Klick entfernt.
Die Präzisionsmechanik hingegen repräsentiert die DNA der Schweizer Industrie. Diese Unternehmen bauen auf tiefem Fachwissen, langen Entwicklungszyklen und extrem hohen Qualitätsstandards auf. Sie sind oft „Hidden Champions“ in globalen Nischen. Ihr Wachstum ist langsamer, aber oft nachhaltiger und profitabler. Sie schaffen mehr Arbeitsplätze und sind extrem standorttreu. Der folgende Vergleich zeigt die unterschiedlichen Profile dieser beiden Investitionsfelder.
| Kriterium | SaaS | Präzisionsmechanik |
|---|---|---|
| Durchschnittliches Investment | 4.1 Mio. CHF | 5.3 Mio. CHF (mit Seriengründer) |
| Exit-Quote | Höher (schnelle Übernahmen) | Niedriger (langfristiger Aufbau) |
| Arbeitsplätze pro Startup | 15-20 | 30+ (ETH-Spin-offs) |
| Standortbindung | Flexibel | 95% bleiben in der Schweiz |
Für einen Investor bedeutet dies eine strategische Wahl: Setze ich auf das potenziell explosive, aber auch riskantere Wachstum von SaaS-Start-ups, oder investiere ich in das stetige, langfristige und substanzielle Wachstum von Technologieunternehmen aus der Präzisionsindustrie? Eine diversifizierte Strategie, die beide Sektoren berücksichtigt, könnte die robusteste Antwort auf die Dynamik des Schweizer Innovationsökosystems sein.
Wann sollten Sie Innosuisse-Förderung statt Venture Capital beantragen?
Die Finanzierung ist eine der kritischsten Hürden für jedes innovative KMU. In der Schweiz existiert ein duales System, das oft missverstanden wird: die öffentliche, projektbasierte Förderung durch Innosuisse und die private, wachstumsorientierte Finanzierung durch Venture Capital (VC). Die Entscheidung zwischen diesen beiden Optionen ist keine Frage von „besser“ oder „schlechter“, sondern eine des richtigen Timings und der strategischen Absicht.
Innosuisse, die schweizerische Agentur für Innovationsförderung, ist ideal für die frühe Phase der Technologieentwicklung (Technology Readiness Level 1-4). Wenn eine Idee noch auf dem Niveau der Grundlagenforschung oder des ersten Prototyps ist und das Marktrisiko hoch ist, springt Innosuisse ein. Der grosse Vorteil: Innosuisse nimmt keine Firmenanteile. Die Gründer behalten die volle Kontrolle und können ihre Vision langfristig und ohne den Druck eines schnellen Exits entwickeln. Ein erfolgreicher Innosuisse-Antrag dient zudem als wertvolles Gütesiegel, das die technologische Validität des Projekts beweist und spätere VC-Runden erleichtert.
Dieser „Beratungs“-Aspekt ist enorm wertvoll, was eine Studie der Universität St. Gallen bestätigt: 84% der befragten KMU bewerten externe Beratungsdienstleistungen als sehr hilfreich für ihre Transformation. Innosuisse bietet genau diese Art von Validierung und Netzwerk.

Venture Capital kommt ins Spiel, wenn die Technologie validiert ist und es um den Markteintritt und die aggressive Skalierung geht (TRL 5-9). VCs bringen nicht nur Geld („Dumb Money“), sondern im Idealfall auch ein Netzwerk, Branchenexpertise und strategische Unterstützung beim Wachstum („Smart Money“). Der Preis dafür ist die Abgabe von Firmenanteilen und ein erhöhter Druck, schnell zu wachsen und einen profitablen Exit für die Investoren zu realisieren. Dies kann die richtige Strategie für Unternehmen sein, die einen globalen Markt schnell erobern wollen, aber es kann auch die langfristige Vision eines Gründers gefährden.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Erfolg von ETH-Spin-offs basiert auf einem strukturierten Ökosystem, das tiefgreifende Forschung in marktfähige Produkte überführt.
- Die digitale Transformation eines traditionellen KMU gelingt, wenn Technologie als Ergänzung zur Stärkung des Kerngeschäfts und nicht als dessen Ersatz verstanden wird.
- Die Wahl der Finanzierung (Innosuisse vs. VC) muss an der technologischen Reife und der strategischen Absicht (Kontrolle vs. schnelles Wachstum) ausgerichtet sein.
Der kulturelle Fehler, Insolvenz als Stigma statt als Erfahrung zu sehen
Trotz aller technologischen und finanziellen Vorteile des Schweizer Innovationsökosystems gibt es einen tief verwurzelten kulturellen Faktor, der das volle Potenzial hemmt: die Angst vor dem Scheitern. In der Schweiz wird eine Insolvenz oft als persönliches Versagen und als endgültiges Stigma betrachtet, während sie in anderen Innovationskulturen, wie der Silicon Valley, als wertvolle Lernerfahrung und fast schon als notwendiger Schritt auf dem Weg zum Erfolg gilt.
Diese kulturelle Prägung führt zu einer übermässigen Risikoaversion. Unternehmer zögern, mutige, potenziell disruptive Wetten einzugehen, und Investoren bevorzugen sichere, inkrementelle Innovationen gegenüber bahnbrechenden, aber unsicheren Projekten. Interessanterweise zeigt eine Analyse der Handelszeitung, dass die Quote der Seriengründer bei ETH-Spin-offs mit 35% deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt von 50% liegt. Dies könnte darauf hindeuten, dass diese Gründungen von Anfang an auf mehr Substanz und Langfristigkeit ausgelegt sind, aber auch, dass die Gründer nach einem potenziellen Scheitern seltener einen zweiten Versuch wagen.
Ein Wandel in der Denkweise ist zwingend erforderlich, um die Innovationskraft der Schweiz voll auszuschöpfen. Scheitern muss als Investition in Wissen verstanden werden. Jede gescheiterte Initiative liefert unbezahlbare Daten darüber, was am Markt nicht funktioniert. Diese Haltung wird von Experten wie Prof. Dr. Andrea Back von der Universität St. Gallen unterstrichen:
Digitale Transformationen finden immer auf ganz verschiedenen Ebenen statt, und das muss man schlichtweg trainieren und dabei auch Erfahrungen sammeln.
– Prof. Dr. Andrea Back, Universität St. Gallen, Direktorin IWI-HSG
Ein Ökosystem, das „intelligentes Scheitern“ – also das schnelle und kostengünstige Beenden aussichtsloser Projekte – fördert und die dabei gewonnenen Erfahrungen wertschätzt, wird langfristig widerstandsfähiger und innovativer sein. Es geht nicht darum, Insolvenzen zu verherrlichen, sondern darum, die dahinterliegende unternehmerische Erfahrung anzuerkennen und den Weg für einen zweiten oder dritten Anlauf zu ebnen.
Für Schweizer Unternehmer und Investoren bedeutet dies, jede Innovationschance nicht nur nach ihrem finanziellen Potenzial zu bewerten, sondern auch nach ihrer Lernkurve. Fordern Sie eine Kultur der Transparenz und des Lernens aus Fehlern ein, um die Grundlage für den nächsten grossen, nachhaltigen Erfolg made in Switzerland zu schaffen.