Die Wahl zwischen FH und Uni ist in der Schweiz weniger eine Typfrage als eine strategische Karriereentscheidung, bei der FH-Absolventen oft den schnelleren und direkteren Weg zum Erfolg finden.
- FH-Absolventen erzielen oft höhere Einstiegsgehälter durch ihre sofortige Einsatzbereitschaft, was für Schweizer KMUs einen direkten ROI bedeutet.
- Das duale Bildungssystem mit Berufsmatura und „sur dossier“-Zulassung ermöglicht praxisnahe und flexible Karrierewege, die auf dem Markt sehr geschätzt werden.
Empfehlung: Analysieren Sie Ihr Karriereziel. Streben Sie eine schnelle, praxisorientierte Karriere mit Führungsverantwortung an, ist die Fachhochschule oft der effizientere Beschleuniger.
Die Entscheidung zwischen einem Studium an einer Fachhochschule (FH) oder einer Universität (Uni) beschäftigt viele angehende Studierende. Oft wird der Unterschied auf eine simple Formel reduziert: Die Uni sei für Theoretiker, die FH für Praktiker. Doch diese Sichtweise greift auf dem Schweizer Arbeitsmarkt zu kurz. Als Personalvermittler, der täglich die Bedürfnisse von Unternehmen analysiert, sehe ich ein klares Muster: FH-Absolventen sind nicht einfach nur eine „andere Art“ von Akademikern – sie besitzen oft einen strukturellen Vorteil, der sie für viele Arbeitgeber, insbesondere für das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft, die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), zur attraktiveren Wahl macht.
Natürlich haben beide Bildungswege ihre Berechtigung und Exzellenz. Die theoretische Tiefe eines Uni-Abschlusses, insbesondere von Spitzeninstituten wie der ETH oder EPFL, ist für die Grundlagenforschung und hochspezialisierte F&E-Rollen unersetzlich. Dennoch zeigt die Realität des Recruitings, dass die Frage nicht lauten sollte „Was ist besser?“, sondern „Was ist für den spezifischen Bedarf des Schweizer Marktes oft passgenauer?“. Die Antwort liegt in der sofortigen Produktivität und der „Plug-and-Play“-Mentalität, die das FH-Studium fördert.
Dieser Artikel bricht mit der traditionellen Gegenüberstellung und analysiert aus der Sicht eines Recruiters, warum der FH-Weg in der Schweiz oft ein direkter Karrierebeschleuniger ist. Wir werden uns die harten Fakten ansehen – vom Einstiegsgehalt über die Flexibilität des Systems bis hin zur Wahrnehmung durch global agierende Konzerne. Ziel ist es, Ihnen eine fundierte, strategische Entscheidungsgrundlage für Ihren Bildungsweg zu liefern.
Um diese strategische Entscheidung zu beleuchten, werden wir die Schlüsselfaktoren Schritt für Schritt analysieren. Der folgende Überblick zeigt die Themen, die wir behandeln, um ein vollständiges Bild der Karrierechancen zu zeichnen.
Inhaltsverzeichnis: Der Karriere-Vorsprung von FH-Absolventen analysiert
- Verdient ein FH-Ingenieur zum Start mehr als ein Uni-Ingenieur?
- Wie nutzen Sie die Arbeitswelterfahrung für die prüfungsfreie Zulassung „sur dossier“?
- Der Härtetest: Wie organisieren Sie Job (80%) und Studium gleichzeitig?
- Wann lohnt sich der Wechsel an die Uni für den Masterabschluss?
- Warum lernen Sie an der FH von CEOs statt von theoretischen Assistenten?
- Wie ermöglicht die Berufsmatura den Zugang zur Fachhochschule ohne Zeitverlust?
- Der Fehler im Recruiting: Warum Top-Talente der ETH nicht nur auf das Gehalt schauen
- Warum entscheiden sich Weltkonzerne wie Google für Forschungszentren in der Schweiz?
Verdient ein FH-Ingenieur zum Start mehr als ein Uni-Ingenieur?
Eine der hartnäckigsten Annahmen ist, dass ein Uni-Abschluss langfristig immer zu einem höheren Gehalt führt. Beim Berufseinstieg ist das Bild jedoch oft ein anderes. FH-Absolventen, insbesondere in technischen Disziplinen, starten häufig mit einem sehr konkurrenzfähigen oder sogar höheren Gehalt. Der Grund dafür ist einfach: ihre sofortige Einsetzbarkeit. Ein Unternehmen, das einen FH-Ingenieur einstellt, investiert in eine Arbeitskraft, die vom ersten Tag an Projekte umsetzen kann und die betrieblichen Abläufe bereits aus Praktika oder der berufsbegleitenden Tätigkeit kennt.
Die Zahlen bestätigen diesen Trend eindrücklich. Während der gesamtschweizerische Medianlohn bei rund 81’456 CHF liegt, zeigt eine umfassende Studie, dass der Brutto-Medianjahreslohn für FH-Absolventen bei 112’852 CHF liegt. Dieser beachtliche Unterschied spiegelt den hohen Wert wider, den der Markt der praxisorientierten Ausbildung beimisst. Besonders lukrativ ist der Einstieg für Wirtschaftsingenieure, die laut Swiss Engineering bereits 2022 mit Jahreslöhnen um 107.500 CHF rechnen konnten.
Die Branche spielt dabei eine entscheidende Rolle. Der folgende Überblick, basierend auf den Daten der FH Lohnstudie, zeigt, in welchen Sektoren FH-Absolventen die höchsten Gehälter erzielen und verdeutlicht die branchenspezifischen Unterschiede.
| Branche | Medianlohn FH-Absolventen (CHF/Jahr) | Besonderheit |
|---|---|---|
| Pharma/Chemie | Höchste Löhne | Höchster Einstiegslohn |
| Finanz-/Versicherungswesen | 117’000 | Top-2 Branche |
| Kunst/Kultur/Unterhaltung | 77’600 | Niedrigster Medianlohn |
| Wirtschaft (Ökonomen) | Überdurchschnittlich | In fast allen Branchen höher |
Diese Zahlen zeigen klar, dass ein FH-Abschluss kein finanzieller Nachteil sein muss. Im Gegenteil, in den richtigen Branchen ist er ein Ticket für einen überdurchschnittlichen Verdienst von Beginn an. Der Return on Investment für Unternehmen ist sofort spürbar, was sich direkt im Gehaltsangebot niederschlägt.
Wie nutzen Sie die Arbeitswelterfahrung für die prüfungsfreie Zulassung „sur dossier“?
Einer der grössten Vorteile des Schweizer Bildungssystems ist seine Durchlässigkeit. Sie müssen keine gymnasiale Matura besitzen, um ein akademisches Studium aufzunehmen. Die Zulassung „sur dossier“ ist ein etablierter Weg für erfahrene Berufsleute, sich für ein Bachelorstudium an einer Fachhochschule zu qualifizieren. Dieser Weg honoriert explizit die in der Praxis erworbenen Kompetenzen und erkennt sie als gleichwertig zu einer schulischen Hochschulreife an.
Dieser Prozess ist ideal für Personen ab 27 Jahren, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung und qualifizierte Berufserfahrung verfügen. Anstatt Prüfungen über theoretisches Wissen abzulegen, stellen Sie ein Portfolio zusammen, das Ihre Studierfähigkeit und Ihre fachlichen Kompetenzen dokumentiert. Dieses Portfolio ist Ihre Chance, Ihre berufliche Entwicklung, Ihre Projekte und Ihre erworbenen Fähigkeiten strukturiert darzustellen.

Wie die Abbildung symbolisiert, ist die Zulassung „sur dossier“ ein Weg, bei dem Ihre beruflichen Meilensteine den Pfad zum akademischen Abschluss ebnen. Es ist die Anerkennung, dass wertvolles Wissen nicht nur in Hörsälen, sondern auch in Projekten, in der Teamführung und bei der Lösung realer Probleme erworben wird. Ein erfolgreiches Verfahren öffnet Ihnen die Tür zu einem Bachelorstudium, ohne dass Sie Zeit in einer gymnasialen Schule „nachholen“ müssen.
Ihr Plan für die Zulassung „sur dossier“
- Mindestalter prüfen: Sie müssen bei der Anmeldung zum Verfahren das 27. Lebensjahr erreicht haben.
- Nachweise sammeln: Stellen Sie die Dokumente Ihrer abgeschlossenen, mindestens dreijährigen Ausbildung auf Sekundarstufe II (z.B. Berufslehre mit EFZ) zusammen.
- Berufserfahrung dokumentieren: Weisen Sie mindestens drei Jahre qualifizierte Berufserfahrung (entspricht 300%) nach, die sich auf maximal acht Jahre verteilen darf.
- Portfolio erstellen: Erarbeiten Sie ein überzeugendes Portfolio, das Ihre Studierfähigkeit und Ihre dem Matura-Niveau gleichwertigen Kompetenzen belegt.
- Kompetenzgespräch meistern: Bereiten Sie sich auf das Kompetenzgespräch vor, das Ihre Eignung final überprüft (Termine meist im Juni und November).
Dieser Weg ist ein starkes Statement für die Wertschätzung von Berufserfahrung und macht die Fachhochschule zu einer realistischen und attraktiven Option für ambitionierte Fachkräfte, die den nächsten Karriereschritt planen.
Der Härtetest: Wie organisieren Sie Job (80%) und Studium gleichzeitig?
Ein berufsbegleitendes Studium an einer Fachhochschule ist kein Spaziergang. Es erfordert Disziplin, exzellentes Zeitmanagement und die Unterstützung von Arbeitgeber und Familie. Dennoch ist es für viele der entscheidende Weg, um Theorie und Praxis unmittelbar zu verknüpfen. Die Frage ist nicht nur, ob man es schaffen kann, sondern wie man es intelligent organisiert, um maximal zu profitieren. Viele FH-Studiengänge sind explizit für Berufstätige mit einem Pensum von bis zu 80% konzipiert, mit Blockveranstaltungen oder Abend- und Samstagsunterricht.
Der grösste Vorteil dieser Doppelbelastung ist der kontinuierliche Praxistransfer. Sie lernen am Freitag im Hörsaal ein neues Konzept für Projektmanagement und können es am Montag direkt im Job anwenden. Dieses sofortige Anwenden festigt nicht nur das Gelernte, sondern macht Sie auch für Ihren Arbeitgeber extrem wertvoll. Sie werden zum internen Innovationstreiber. Viele Schweizer Unternehmen unterstützen dies aktiv durch flexible Arbeitszeitmodelle wie die Jahresarbeitszeit, um die Belastungsspitzen während der Prüfungsphasen abzufedern.
Die Perspektive von Personalverantwortlichen auf diesen Einsatz ist eindeutig. Ein Kandidat, der erfolgreich ein berufsbegleitendes Studium gemeistert hat, beweist nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch Belastbarkeit, Engagement und Organisationstalent – alles hochgeschätzte „Soft Skills“. Die schnellere Einarbeitungszeit ist ein oft zitierter, handfester Vorteil.
Ein FH-Absolvent ist in drei Wochen produktiv, ein Uni-Absolvent braucht sechs Monate Investition.
– Schweizer HR-Verantwortlicher, Branchenerfahrung aus KMU-Recruiting
Diese Aussage aus der Praxis mag provokant klingen, bringt aber den Kern auf den Punkt: Unternehmen sparen durch die Einstellung von FH-Absolventen wertvolle Zeit und Ressourcen. Die Investition in die Einarbeitung ist geringer, der Return on Investment (ROI) des Recruitings tritt schneller ein. Ein berufsbegleitendes Studium ist somit nicht nur ein Härtetest, sondern auch ein starkes Karrieresiegel.
Wann lohnt sich der Wechsel an die Uni für den Masterabschluss?
Die Entscheidung für einen FH-Bachelor bedeutet keineswegs das Ende der akademischen Laufbahn. Das Schweizer Bildungssystem ist bewusst durchlässig gestaltet. Der Wechsel an eine Universität oder eine technische Hochschule wie die ETH für einen Masterabschluss ist nicht nur möglich, sondern kann in bestimmten Fällen ein äusserst strategischer Karriereschachzug sein. Dieses „Hybrid-Profil“ – ein praxisorientierter FH-Bachelor kombiniert mit einem theorievertieften Uni-Master – wird in der Schweizer Industrie hochgeschätzt.
Solche Profile sind prädestiniert für Brückenfunktionen. Sie können beispielsweise in der Industrie die Lücke zwischen der reinen Forschung und Entwicklung (F&E) und der marktorientierten Produktentwicklung oder dem Management schliessen. Sie verstehen beide „Sprachen“ – die der akademischen Grundlagenforschung und die der praktischen Umsetzung im Unternehmen. Allerdings ist der Übergang nicht immer automatisch. Hochschulen entscheiden autonom über die Aufnahme, und oft sind Zusatzleistungen oder eine Bewerbung „sur dossier“ für spezialisierte Masterstudiengänge erforderlich.
Die entscheidende Frage ist, ob sich der zusätzliche Aufwand lohnt. Dies hängt vollständig von Ihrem Karriereziel ab. Nicht für jede Laufbahn ist ein Uni-Master notwendig oder gar vorteilhaft. Die folgende Tabelle gibt eine Orientierung, wann welcher Weg sinnvoll ist.
| Karriereziel | Empfohlener Weg | Begründung |
|---|---|---|
| Grundlagenforschung (z.B. bei Roche) | FH-Bachelor → Uni-Master → PhD | Kombination von Praxis und Theorie ist gefragt. |
| Akademische Laufbahn / Professur | Direkter Uni-Master empfohlen | Das Promotionsrecht liegt primär bei den Universitäten. |
| Quantitative Finanzmodellierung | FH-Bachelor → ETH/Uni-Master | Eine tiefe theoretische Vertiefung ist hier notwendig. |
| Management in einem KMU | FH-Bachelor meist ausreichend | Praxisorientierung und Erfahrung sind hier wichtiger. |
Ein Uni-Master ist also kein generelles „Upgrade“, sondern eine Spezialisierung für bestimmte Karrierepfade. Für eine Managementkarriere in einem typischen Schweizer KMU kann die zusätzliche theoretische Ausbildung weniger relevant sein als weitere Jahre an praktischer Berufserfahrung.
Warum lernen Sie an der FH von CEOs statt von theoretischen Assistenten?
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Fachhochschulen und Universitäten liegt im Profil der Lehrenden. Während an Universitäten die akademische Karriere mit Forschung und Publikationen im Vordergrund steht, legen Fachhochschulen Wert auf Dozierende mit umfangreicher und aktueller Praxiserfahrung. Es ist keine Seltenheit, dass Vorlesungen über Unternehmensführung von einem ehemaligen CEO, das Marketing-Modul von einer aktiven Agenturleiterin oder der Kurs über Finanzmärkte von einem Investmentbanker gehalten werden.
Dieser Ansatz hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Qualität und Relevanz der Lehre. Sie lernen nicht nur die Theorie aus dem Lehrbuch, sondern auch, wie diese Theorie in der realen Geschäftswelt angewendet, angepasst oder manchmal auch ignoriert wird. Die Dozierenden bringen Fallstudien aus ihrer eigenen Karriere mit, diskutieren aktuelle Marktentwicklungen und können wertvolle Einblicke in die ungeschriebenen Regeln einer Branche geben. Dieses Wissen ist Gold wert und in keinem Skript zu finden.

Die Lernatmosphäre, wie sie im Bild dargestellt ist, ist oft interaktiver und dialogorientierter. Es geht weniger um die reine Wissensvermittlung als um die Entwicklung von Problemlösungskompetenzen. Der direkte Draht zur Praxis führt auch dazu, dass FH-Absolventen oft schneller Führungsaufgaben übernehmen. Sie sind mit den Herausforderungen des Managements bereits während des Studiums konfrontiert worden. Eine Studie zeigt eindrücklich, dass fast 60% aller FH-Absolventen eine Kaderfunktion innehaben, obwohl über 70% von ihnen jünger als 40 Jahre sind. Dies unterstreicht den Effekt als Karrierebeschleuniger in Richtung Führungspositionen.
Das Lernen von erfahrenen Praktikern prägt eine unternehmerische Denkweise und bereitet Sie direkt auf die Übernahme von Verantwortung vor. Sie bauen nicht nur Wissen auf, sondern auch ein professionelles Netzwerk, das Ihnen nach dem Abschluss Türen öffnen kann.
Wie ermöglicht die Berufsmatura den Zugang zur Fachhochschule ohne Zeitverlust?
Das duale Bildungssystem ist eine der grossen Stärken der Schweiz und die Berufsmaturität ist sein Herzstück. Sie ist der Königsweg, der eine Berufsausbildung nahtlos mit einem akademischen Studium verbindet, ohne den „Umweg“ über ein Gymnasium. Dieser Weg ist nicht nur effizient, sondern bietet auch einen entscheidenden finanziellen und erfahrungsbasierten Vorsprung gegenüber dem rein schulischen Weg zur Hochschule.
Die Berufsmaturität kann entweder während der Lehre (BM1) oder danach in Voll- oder Teilzeit (BM2) absolviert werden. Mit diesem Abschluss in der Tasche, insbesondere mit der Ausrichtung „Wirtschaft und Dienstleistungen“, steht Ihnen der direkte, prüfungsfreie Zugang zu den entsprechenden FH-Studiengängen offen. Im Gegensatz zu Gymnasiasten, die oft ein einjähriges Praktikum nachweisen müssen, um die nötige Praxiserfahrung für ein FH-Studium zu erlangen, können Absolventen mit Berufsmatura direkt starten. Sie verlieren keine Zeit.
Der Karrierepfad von der Berufslehre zum FH-Bachelor ist ein integriertes Modell, das Berufserfahrung von Anfang an mit akademischer Weiterbildung kombiniert:
- Berufslehre mit EFZ: Sie absolvieren eine 3- bis 4-jährige Lehre und erwerben ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis.
- Berufsmaturität erlangen: Parallel oder nach der Lehre erwerben Sie die Berufsmaturität.
- Direkte Zulassung zur FH: Mit dem Abschluss in der Tasche melden Sie sich direkt an der Fachhochschule an.
- Bachelor-Studium beginnen: Sie starten ohne zusätzliches Praktikumsjahr und bringen bereits Berufserfahrung mit.
- Abschluss mit Doppelkompetenz: Nach 3-4 Jahren halten Sie einen Bachelor-Abschluss in den Händen und verfügen über eine einzigartige Kombination aus mehrjähriger Berufserfahrung und akademischem Wissen.
Dieser Weg ist auch finanziell attraktiv. Sie verdienen während der Lehre bereits ein Gehalt und können früher in den vollbezahlten Beruf einsteigen. Selbst beim Berufseinstieg nach dem Studium ist das Gehalt attraktiv. So können beispielsweise FH-Ingenieure laut Daten von Lohnanalyse.de bereits mit einem Bruttojahresgehalt von rund 78’182 CHF rechnen. Der Weg über die Berufsmatura ist somit ein ökonomisch und strategisch kluger Entscheid.
Der Fehler im Recruiting: Warum Top-Talente der ETH nicht nur auf das Gehalt schauen
Als Recruiter sehe ich oft, dass Unternehmen bei der Besetzung von Stellen einen entscheidenden Fehler machen: Sie suchen nach dem „besten“ Absolventen, anstatt nach dem „passendsten“. Ein Top-Talent der ETH mit einem Abschluss in theoretischer Physik ist zweifellos brillant, aber für die Leitung eines Implementierungsprojekts in einem KMU möglicherweise die falsche Wahl. Hier geht es nicht um besser oder schlechter, sondern um Komplementarität statt Konkurrenz.
Die Stärke des Schweizer Hochschulsystems liegt gerade in dieser Diversität. Unternehmen, die dies verstehen, rekrutieren strategischer und erfolgreicher. Während Absolventen von technischen Universitäten (TU/ETH) aufgrund ihrer tiefen naturwissenschaftlichen Ausbildung in F&E-Abteilungen von Grosskonzernen glänzen, schätzen KMUs die Macher-Qualitäten von FH-Absolventen. Sie benötigen Talente, die bestehende Technologien anwenden, Prozesse optimieren und Projekte zum Abschluss bringen können – die sogenannte „letzte Meile“ der Innovation.
Eine kluge Recruiting-Strategie richtet sich daher nach dem spezifischen Anforderungsprofil der Stelle:
- Für Forschungs- und Entwicklungsabteilungen: Hier sind die theoretisch versierten Absolventen von ETH und Uni oft die erste Wahl. Ihre Fähigkeit, komplexe, abstrakte Probleme zu lösen, ist hier der Schlüssel.
- Für Projektleitung und Implementierung: In diesen Rollen sind die praxisnahen, lösungsorientierten FH-Absolventen ideal. Sie bringen die Dinge auf den Boden und ins Ziel.
- Für Schnittstellenfunktionen: Hier sind die bereits erwähnten „Hybrid-Profile“ (FH-Bachelor + Uni-Master) besonders wertvoll, da sie beide Welten verstehen.
Top-Talente, egal von welcher Hochschule, schauen zudem längst nicht mehr nur auf das Gehalt. Faktoren wie eine sinnstiftende Tätigkeit, Entwicklungsmöglichkeiten und die Unternehmenskultur sind oft entscheidend. Ein ETH-Absolvent mag in einem agilen KMU, wo er schnell Verantwortung übernehmen kann, glücklicher werden als in der starren Hierarchie eines Konzerns. Unternehmen, die nur auf den Namen der Hochschule schauen, übersehen oft die Motivation und die Passung des Kandidaten – und damit die besten Talente.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Wahl zwischen FH und Uni ist eine strategische Entscheidung, die von den Bedürfnissen des Schweizer Arbeitsmarktes geprägt ist.
- FH-Absolventen bieten oft einen sofortigen ROI durch ihre Praxisnähe, was sich in höheren Einstiegsgehältern und schnellem Aufstieg in Kaderfunktionen widerspiegelt.
- Das duale System mit Berufsmatura und „sur dossier“-Zulassung schafft flexible und wertvolle Karrierewege, die die Stärke des Schweizer Talent-Ökosystems ausmachen.
Warum entscheiden sich Weltkonzerne wie Google für Forschungszentren in der Schweiz?
Die Schweiz ist einer der innovativsten Standorte der Welt und zieht regelmässig die Forschungs- und Entwicklungszentren von globalen Tech-Giganten wie Google, IBM oder Oracle an. Dies ist kein Zufall. Einer der entscheidenden Standortvorteile ist das einzigartige Schweizer Talent-Ökosystem, das durch die duale Hochschullandschaft aus Universitäten und Fachhochschulen genährt wird.
Internationale Konzerne benötigen für ihren Innovationsprozess eine breite Palette an Talenten. Sie brauchen die brillanten Grundlagenforscher von der ETH und der EPFL, um die nächste technologische Revolution zu erdenken. Aber sie benötigen genauso dringend die anwendungsorientierten Ingenieure und Spezialisten von den Fachhochschulen, um diese Ideen in marktfähige Produkte und Dienstleistungen zu überführen. Es ist diese Symbiose aus Theorie und Praxis auf engstem Raum, die den Standort Schweiz so attraktiv macht.
Die Fachhochschulen spielen dabei eine zentrale Rolle, die weit über die reine Ausbildung hinausgeht. Ihre Dozierenden haben oft vier Grundaufträge: Ausbildung, Weiterbildung, anwendungsorientierte Forschung und die Entwicklung von Dienstleistungen für die Wirtschaft. Diese enge Verzahnung von Lehre und Praxistransfer schafft einen kontinuierlichen Innovationsfluss. Unternehmen können auf einen diversifizierten Talentpool zugreifen, der für alle Phasen des Innovationszyklus die passenden Profile bereithält – vom Forscher über den Entwickler bis zum Projektmanager.
Die geografische Nähe, wie beispielsweise im Raum Zürich mit der ETH und starken Fachhochschulen wie der ZHAW, verstärkt diesen Effekt. Es entsteht ein „Cluster“, in dem Wissen und Talente zirkulieren. Ein Weltkonzern in der Schweiz kauft also nicht nur Steuervorteile oder eine hohe Lebensqualität ein, sondern vor allem den Zugang zu diesem perfekt ausbalancierten Ökosystem an hochqualifizierten Arbeitskräften. Die Fachhochschulen sind dabei ein unverzichtbarer Pfeiler, der die Umsetzungsstärke und damit die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Standorts sichert.
Ihre Studienwahl ist der erste Schritt in diesem Ökosystem. Um die für Sie passende Entscheidung zu treffen, ist eine ehrliche Analyse Ihrer Stärken und Ziele unerlässlich. Eine professionelle Laufbahnberatung kann Ihnen helfen, die Weichen richtig zu stellen.
Häufig gestellte Fragen zur Wahl zwischen FH und Uni
Kann ich mit einem 80%-Arbeitspensum ein FH-Studium schaffen?
Ja, absolut. Viele Bachelor- und Masterstudiengänge an Fachhochschulen sind speziell für Berufstätige konzipiert. Sie bieten flexible Studienmodelle mit Abend-, Wochenend- oder Blockveranstaltungen, die auf ein Arbeitspensum von bis zu 80% abgestimmt sind. Es erfordert gute Organisation, ist aber ein bewährter und sehr verbreiteter Weg.
Welche Unterstützung bieten Schweizer Arbeitgeber für ein berufsbegleitendes Studium?
Viele Schweizer Unternehmen, insbesondere KMUs, sehen die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden als Investition in die Zukunft. Sie fördern ein berufsbegleitendes FH-Studium aktiv, zum Beispiel durch flexible Arbeitszeitmodelle wie die Jahresarbeitszeit, die es erlaubt, in ruhigeren Phasen vorzuarbeiten, um für Prüfungen mehr Freizeit zu haben. Manche beteiligen sich sogar an den Studiengebühren, wenn das Studium einen direkten Nutzen für das Unternehmen hat.