Der Aufstieg von Frauen in der IT wird nicht durch mangelnde Kompetenz, sondern durch unsichtbare systemische Barrieren gebremst, die von Gehaltsstrukturen bis zu Recruiting-Algorithmen reichen.
- Die Gehaltslücke beginnt bereits in Junior-Positionen und wird durch veraltete Arbeitsmodelle, die Teilzeit benachteiligen, weiter verstärkt.
- Unbewusste Vorurteile in HR-Algorithmen und menschlichen Entscheidungen können qualifizierte Bewerberinnen systematisch benachteiligen.
Empfehlung: Konzentrieren Sie sich auf den Aufbau eines strategischen Netzwerks mit Sponsoren statt nur Mentoren und machen Sie Ihre Soft Skills als entscheidenden Karriere-Hebel bewusst sichtbar.
Sie sind talentiert, Sie sind qualifiziert und Sie brennen für Technologie. Doch immer wieder stossen Sie auf unsichtbare Mauern: Gehaltsverhandlungen, die ins Leere laufen, Beförderungschancen, die an Ihnen vorbeigehen, oder das subtile Gefühl, sich doppelt beweisen zu müssen. Viele Ratgeber empfehlen dann, an der eigenen Durchsetzungskraft zu arbeiten oder besser zu verhandeln. Doch diese Ratschläge greifen zu kurz, denn sie übersehen die wahre Wurzel des Problems.
Die IT-Branche ist von Strukturen und Denkmustern geprägt, die über Jahrzehnte von einer homogenen Gruppe geformt wurden. Diese schaffen systemische Hürden – vom berühmten Gender Pay Gap über die Herabwertung flexibler Arbeitsmodelle bis hin zu voreingenommenen Algorithmen im Bewerbungsprozess. Es geht also nicht primär darum, dass Sie sich ändern müssen, sondern darum, das System zu verstehen, um es für sich nutzen und von innen heraus verändern zu können.
Doch was, wenn die wahre Strategie nicht darin besteht, lauter zu werden, sondern klüger zu agieren? Wenn der Schlüssel nicht nur in Hard Skills, sondern im strategischen Einsatz von Soft Skills und dem Aufbau eines mächtigen Netzwerks liegt? Dieser Artikel ist Ihr Leitfaden, um genau diese unsichtbaren Mechanismen aufzudecken. Wir analysieren die Fakten hinter den Mythen und geben Ihnen konkrete, umsetzbare Strategien an die Hand, um diese Hürden nicht nur zu überwinden, sondern sie in Sprungbretter für Ihre Karriere zu verwandeln. Es ist an der Zeit, das Spielfeld zu verstehen, um die Spielregeln neu zu definieren.
In diesem Artikel beleuchten wir die entscheidenden Aspekte, die Ihre Karriere in der Tech-Branche beeinflussen. Wir decken die Fakten hinter der Gehaltslücke auf, zeigen, wie Sie die richtigen Förderer finden, entlarven Mythen über Arbeitsmodelle und erklären, warum Ihre sozialen Kompetenzen heute wichtiger sind denn je.
Inhaltsverzeichnis: Warum die IT für Frauen eine Herausforderung bleibt und wie Sie sie meistern
- Verdienen Entwicklerinnen wirklich 15% weniger als ihre Kollegen?
- Wie finden Sie eine Mentorin, die Ihren Weg in den CTO-Sessel unterstützt?
- Der Mythos, dass man Software nur in Vollzeit entwickeln kann
- Bootcamps vs. Studium: Welcher Weg in die IT ist für Berufserfahrene schneller?
- Wann sortieren Algorithmen Frauenbewerbungen unbewusst aus?
- Warum bewirbt sich niemand bei Ihnen, obwohl Sie gut zahlen?
- Wie bauen Sie ein berufliches Netzwerk auf LinkedIn auf, das Ihnen Jobs bringt?
- Warum entscheiden Soft Skills heute öfter über Beförderungen als Fachwissen?
Verdienen Entwicklerinnen wirklich 15% weniger als ihre Kollegen?
Die Diskussion um den Gender Pay Gap ist oft von Emotionen und Anekdoten geprägt, doch die Zahlen zeichnen ein klares und ernüchterndes Bild. Es handelt sich nicht um ein Gefühl, sondern um eine messbare Realität. Laut aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes verdienen Frauen in Deutschland unbereinigt 16% weniger pro Stunde als Männer. Selbst nach Bereinigung um Faktoren wie Berufserfahrung, Qualifikation und Branche bleibt eine Lücke von 6%, die sich nicht so einfach erklären lässt. In der IT-Branche ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt.
Eine spezialisierte Studie von Honeypot zum IT-Arbeitsmarkt bestätigt, dass diese Lücke keine Frage der Position ist. Schon in Juniorpositionen erhalten Frauen durchschnittlich 8 Prozent weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen. Bei DevOps-Entwicklerinnen sind es sogar knapp 9 Prozent. Das bedeutet: Von Beginn Ihrer Karriere an starten Sie mit einem finanziellen Nachteil, der sich über die Jahre potenziert. Es ist ein systemisches Problem, das tief in den Gehaltsstrukturen und Bewertungsmassstäben der Unternehmen verankert ist.
Die Unterschiede sind auch regional und sektoral signifikant, wie eine genauere Analyse zeigt. Die Gehaltslücke ist in der Privatwirtschaft tendenziell grösser als im öffentlichen Dienst und in Westdeutschland ausgeprägter als im Osten. Diese Daten belegen, dass der Pay Gap kein individuelles Verhandlungsversagen ist, sondern ein strukturelles Defizit in der Bewertung weiblicher Arbeitskraft.
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede des Gender Pay Gaps in Deutschland zusammen und verdeutlicht die Komplexität des Problems, wie sie auch eine Analyse des Statistischen Bundesamtes zeigt.
| Region/Kriterium | Unbereinigter Gap | Bereinigter Gap |
|---|---|---|
| Westdeutschland | 17% | k.A. |
| Ostdeutschland | 5% | k.A. |
| Deutschland gesamt | 16% | 6% |
| Privatwirtschaft | höher | k.A. |
| Öffentlicher Dienst | niedriger | k.A. |
Dieses Wissen ist Macht. Es erlaubt Ihnen, in Gehaltsverhandlungen nicht nur Ihre Qualifikationen, sondern auch die marktüblichen, strukturellen Ungerechtigkeiten anzusprechen und eine faire Bezahlung selbstbewusst einzufordern.
Wie finden Sie eine Mentorin, die Ihren Weg in den CTO-Sessel unterstützt?
Der Ratschlag „Suchen Sie sich einen Mentor“ ist allgegenwärtig. Ein Mentor ist wertvoll – er gibt Ratschläge, teilt Erfahrungen und bietet ein offenes Ohr. Doch um wirklich an die Spitze zu gelangen, insbesondere in einer männerdominierten Branche wie der IT, brauchen Sie mehr als nur einen Mentor. Sie brauchen einen Sponsor. Der Unterschied ist entscheidend: Ein Mentor spricht mit Ihnen. Ein Sponsor spricht über Sie, wenn Sie nicht im Raum sind. Er setzt sein eigenes soziales Kapital ein, um Sie für entscheidende Projekte, Beförderungen und sichtbare Rollen vorzuschlagen.
Dieses Konzept der aktiven Förderung ist der Schlüssel, um gläserne Decken zu durchbrechen. Während eine Mentorin Ihnen hilft, Ihre Fähigkeiten zu schärfen, wird eine Sponsorin Ihnen die Tür zu den entscheidenden Räumen öffnen. Die Herausforderung besteht darin, diese einflussreichen Personen zu finden und von Ihrem Potenzial zu überzeugen. Die besten Orte dafür sind professionelle Netzwerke, die sich gezielt der Förderung von Frauen in Führungspositionen widmen.

Wie die Abbildung andeutet, ist der Austausch von Wissen und Erfahrung entscheidend. Suchen Sie gezielt nach Frauen, die den Weg, den Sie anstreben, bereits gegangen sind. Beobachten Sie, wie sie agieren, wie sie kommunizieren und welche Netzwerke sie nutzen. Viele erfolgreiche Frauen sind bereit, ihre Erfahrungen zu teilen und vielversprechende Talente zu fördern. In Deutschland gibt es eine wachsende Zahl exzellenter Netzwerke, die genau diesen Zweck erfüllen:
- Global Digital Women (GDW): Ein führendes internationales Netzwerk mit einer starken Präsenz in Deutschland, das Frauen in der Digitalbranche vernetzt und durch Formate wie den Digital Female Leader Award sichtbar macht.
- Women in Tech e.V.: Ein gemeinnütziger Verein, der ein kostenloses Mentoring-Programm für seine Mitglieder anbietet und den branchenübergreifenden Austausch fördert.
- Mission Female: Ein exklusives Netzwerk, das sich an erfahrene weibliche Führungskräfte und solche mit klaren Karriereambitionen richtet, um den Aufstieg ins Top-Management zu unterstützen.
- Women Techmakers: Ein globales Programm von Google, das mit lokalen Gruppen in vielen deutschen Städten (z.B. Berlin, München) vertreten ist und Frauen in der Technologie durch Workshops und Vorträge stärkt.
Der Beitritt zu diesen Netzwerken ist kein Selbstzweck. Engagieren Sie sich aktiv, machen Sie sich sichtbar, teilen Sie Ihr Fachwissen und bauen Sie authentische Beziehungen auf. So werden aus Kontakten erst Mentorinnen und schliesslich die entscheidenden Sponsorinnen, die Ihren Namen ins Spiel bringen, wenn die Weichen für die nächste CTO-Position gestellt werden.
Der Mythos, dass man Software nur in Vollzeit entwickeln kann
Eines der hartnäckigsten Dogmen der Tech-Branche ist die Glorifizierung der „Hustle Culture“ – die Vorstellung, dass Innovation und exzellenter Code nur in langen Nächten und 80-Stunden-Wochen entstehen. Dieser Mythos ist nicht nur überholt, er ist auch eine der grössten Barrieren für Diversität und insbesondere für Frauen, die Karriere und Familie vereinbaren wollen oder aus anderen Gründen flexible Arbeitsmodelle bevorzugen. Die Realität ist: Qualität hat nichts mit Anwesenheit zu tun, sondern mit Fokus, Effizienz und intelligenten Prozessen.
Das Festhalten an starren Vollzeitmodellen führt zu einer messbaren Benachteiligung. Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, fortgeschrittene Software zu nutzen, bei Frauen in Teilzeit nur 20% beträgt, verglichen mit 33% bei Vollzeit arbeitenden Frauen. Dies deutet auf eine digitale Kluft hin: Wer in Teilzeit arbeitet, wird oft von komplexen, karriererelevanten Projekten ausgeschlossen. Das ist kein Zufall, sondern eine Folge veralteter Strukturen.
Doch immer mehr progressive Unternehmen beweisen, dass es auch anders geht. Agile Methoden, asynchrone Kommunikation und eine ergebnisorientierte Kultur ermöglichen es, auch in Teilzeit oder mit flexiblen Modellen eine zentrale Rolle in der Softwareentwicklung zu spielen. Der folgende Fall zeigt, wie solche Modelle in der Praxis erfolgreich umgesetzt werden können.
Fallbeispiel: Flexible Arbeitsmodelle in agilen Teams
Einige technologiegetriebene Unternehmen haben erkannt, dass die digitale Transformation flexible Arbeitsmodelle nicht nur ermöglicht, sondern erfordert. Sie berichten von positiven Erfahrungen mit Modellen wie Job-Sharing für anspruchsvolle Rollen wie die des Product Owners. Hier teilen sich zwei Personen in Teilzeit die Verantwortung, was zu besseren Entscheidungen und einer höheren Ausfallsicherheit führt. Ebenso bewähren sich 30-Stunden-Wochen für Entwickler, bei denen Kernarbeitszeiten für wichtige agile Zeremonien wie Daily Stand-ups und Sprint Plannings definiert sind. Ausserhalb dieser Zeiten kann die Arbeit flexibel gestaltet werden, was die Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit nachweislich steigert.
Wenn Sie sich auf eine Stelle bewerben oder Ihre Rolle im Unternehmen weiterentwickeln möchten, fragen Sie gezielt nach diesen Modellen. Argumentieren Sie nicht aus einer Position der Bitte, sondern aus einer Position der Stärke: Flexible Arbeitsmodelle sind kein Almosen, sondern ein Zeichen für eine moderne, effiziente und ergebnisorientierte Unternehmenskultur.
Bootcamps vs. Studium: Welcher Weg in die IT ist für Berufserfahrene schneller?
Der traditionelle Weg in die IT führte lange Zeit ausschliesslich über ein Informatik- oder MINT-Studium. Dieser Pfad ist nach wie vor wertvoll, doch er ist langwierig und für viele Frauen, insbesondere für Quereinsteigerinnen mit Berufserfahrung, nicht immer die praktikabelste Option. Zudem sind Frauen in diesen Studiengängen nach wie vor stark unterrepräsentiert. So belegt eine Erhebung des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit, dass im Jahr 2020 weniger als ein Drittel der MINT-Studierenden in Deutschland Frauen waren. Diese Unterrepräsentation an den Universitäten setzt sich später in den Unternehmen fort.
Hier kommen alternative Bildungswege wie Coding Bootcamps ins Spiel. Diese intensiven, praxisorientierten Programme sind darauf ausgelegt, in wenigen Monaten die gefragtesten technologischen Fähigkeiten zu vermitteln. Für Frauen, die bereits in einem anderen Feld Berufserfahrung gesammelt haben und nun in die IT wechseln wollen, bieten Bootcamps einen entscheidenden Vorteil: Geschwindigkeit und Relevanz. Statt jahrelanger theoretischer Grundlagen konzentrieren sie sich auf die praktischen Skills, die Unternehmen heute suchen.
Die Entscheidung zwischen Studium und Bootcamp ist jedoch keine Entweder-oder-Frage, sondern eine strategische Abwägung. Ein Studium vermittelt tiefgehendes theoretisches Wissen und ist oft eine Voraussetzung für Karrieren in der Forschung oder in stark spezialisierten Bereichen. Ein Bootcamp hingegen ist ein Karrierebeschleuniger. Es ist der schnellste Weg, um sich für eine Rolle als Softwareentwicklerin, Datenanalystin oder UX/UI-Designerin zu qualifizieren. Die Kombination aus Ihrer bisherigen Berufserfahrung und den neu erworbenen Tech-Skills kann Sie zu einer einzigartigen und äusserst wertvollen Kandidatin machen.
Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Hintergrund im Marketing und absolvieren ein Bootcamp für Datenanalyse. Sie können nun Marketingstrategien nicht nur entwerfen, sondern auch mit harten Daten validieren – eine Fähigkeit, die nur wenige besitzen. Der Schlüssel liegt darin, Ihren „nicht-traditionellen“ Hintergrund nicht als Makel, sondern als strategischen Vorteil zu positionieren.
Egal, für welchen Weg Sie sich entscheiden: Entscheidend ist das lebenslange Lernen. Die Technologie entwickelt sich rasant weiter. Ob mit Hochschulabschluss oder Bootcamp-Zertifikat – die Bereitschaft, kontinuierlich neue Fähigkeiten zu erlernen, wird letztendlich über Ihren langfristigen Erfolg entscheiden.
Wann sortieren Algorithmen Frauenbewerbungen unbewusst aus?
In dem Bestreben, Recruiting-Prozesse fairer und effizienter zu gestalten, setzen immer mehr Unternehmen auf KI-gestützte HR-Software. Die Ironie dabei: Diese Algorithmen, die menschliche Vorurteile eliminieren sollen, können diese stattdessen in grossem Stil reproduzieren und sogar verstärken. Dies geschieht, wenn die Algorithmen mit historischen Daten trainiert werden – also mit den Lebensläufen der bisherigen, überwiegend männlichen Mitarbeiter. Das System lernt so, die Merkmale dieser Gruppe als Erfolgsindikatoren zu interpretieren.
Das Ergebnis ist ein algorithmischer Bias. Die Software bewertet dann Keywords, die häufiger in männlichen Lebensläufen vorkommen (z.B. „wettbewerbsorientiert“, „durchsetzungsstark“), positiv, während Begriffe, die in weiblichen Biografien häufiger auftauchen können, potenziell negativ gewertet werden. Dazu gehören beispielsweise Hinweise auf „Elternzeit“ oder der explizite Wunsch nach „Teilzeit“. Ihr Lebenslauf könnte also aussortiert werden, bevor ihn überhaupt ein Mensch zu Gesicht bekommen hat, nur weil er nicht dem erlernten „idealen“ Muster entspricht.

Diese Form der Diskriminierung ist subtil und schwer nachweisbar. Doch sie geht über reine Keywords hinaus. Sie manifestiert sich auch in der Interpretation von Verhaltensweisen, wie die WSI-Expertin für Genderforschung, Dr. Yvonne Lott, treffend auf den Punkt bringt:
Bei ihm ist es Führungsstärke, bei ihr ist es Zickigkeit.
– Dr. Yvonne Lott, WSI-Expertin für Genderforschung
Dieses Zitat verdeutlicht, dass die gleichen Eigenschaften je nach Geschlecht unterschiedlich bewertet werden – ein Bias, den eine KI aus menschlichen Daten lernen und reproduzieren kann. Als Bewerberin können Sie dagegen vorgehen, indem Sie Ihren Lebenslauf „SEO-optimieren“: Analysieren Sie die Stellenausschreibung genau und verwenden Sie die dort genannten Schlüsselbegriffe und Kompetenzen. Formulieren Sie proaktiv und ergebnisorientiert, um den automatisierten Filtern zu entgehen.
Fordern Sie von Unternehmen Transparenz über ihre Recruiting-Prozesse. Fragen Sie nach, ob und wie sie Bias in ihrer HR-Software prüfen (Bias Audits) und ob sie auf erklärbare KI (Explainable AI) setzen. Eine Firma, die diese Fragen ernst nimmt, ist wahrscheinlich auch eine Firma, die Diversität wirklich wertschätzt.
Warum bewirbt sich niemand bei Ihnen, obwohl Sie gut zahlen?
Viele Unternehmen glauben, ein attraktives Gehalt sei der entscheidende Faktor, um Top-Talente anzuziehen. Sie investieren in Gehaltsbenchmarks und übersehen dabei eine viel grundlegendere Wahrheit: Für Frauen in der Tech-Branche ist die Unternehmenskultur oft wichtiger als der Gehaltsscheck. Wenn eine Frau sich auf der „Über uns“-Seite eines Unternehmens durch Fotos von ausschliesslich männlichen Teams klicken muss, sendet das eine klare Botschaft: „Hier gehörst du nicht dazu.“
Diese Perspektive ist für Sie als Bewerberin entscheidend. Sie können die Aussendarstellung eines Unternehmens als Lackmustest für seine tatsächliche Kultur nutzen. Der Frauenanteil in der deutschen IT-Branche ist mit rund 16% erschreckend niedrig, wie der Verband der Internetwirtschaft eco berichtet. Unternehmen, denen es ernst mit der Diversität ist, wissen, dass sie aktiv um die besten weiblichen Talente werben müssen. Sie können es sich nicht leisten, eine abschreckende, nicht-inklusive Fassade zu präsentieren.
Achten Sie daher bei Ihrer Recherche gezielt auf folgende Signale im Employer Branding eines potenziellen Arbeitgebers:
- Sichtbare weibliche Role Models: Werden Frauen in Führungspositionen auf der Website, in Pressemitteilungen oder auf Social-Media-Kanälen prominent vorgestellt? Treten Entwicklerinnen oder Managerinnen als Sprecherinnen auf Konferenzen auf?
- Sprache und Bildwelt: Ist die Sprache in Stellenausschreibungen und auf der Karriereseite durchgehend genderneutral? Zeigen die Bilder vielfältige Teams oder nur die typischen „Tech-Bros“?
- Transparenz bei Benefits: Kommuniziert das Unternehmen proaktiv über familienfreundliche Angebote, flexible Arbeitszeiten und Unterstützung während der Elternzeit?
Ein Unternehmen, das seine weiblichen Fach- und Führungskräfte aktiv in der Aussendarstellung hervorhebt, sendet ein starkes Signal. Es zeigt, dass Frauen hier nicht nur willkommen sind, sondern dass ihre Beiträge und ihre Anwesenheit wertgeschätzt werden und sie reale Karrierechancen haben. Ein gutes Gehalt ist eine Grundvoraussetzung, aber eine inklusive und wertschätzende Kultur ist der Grund, warum Sie bleiben und wachsen werden.
Sehen Sie eine hohe Fluktuation von Frauen oder eine Abwesenheit von Frauen in höheren Positionen als Warnsignal. Ein gutes Gehalt kann eine toxische oder nicht-förderliche Kultur auf lange Sicht nicht kompensieren.
Wie bauen Sie ein berufliches Netzwerk auf LinkedIn auf, das Ihnen Jobs bringt?
LinkedIn ist weit mehr als nur ein digitaler Lebenslauf. Für Frauen in der Tech-Branche ist es ein unverzichtbares strategisches Werkzeug, um Sichtbarkeit zu erlangen, Fachwissen zu demonstrieren und Zugang zu einem Karrierenetzwerk zu erhalten, das über den eigenen Arbeitsplatz hinausgeht. Ein passives Profil reicht jedoch nicht aus. Ein Netzwerk, das Ihnen aktiv Jobs und Chancen bringt, erfordert eine proaktive und durchdachte Strategie. Es geht darum, von einer Konsumentin zu einer aktiven Gestalterin Ihrer professionellen Marke zu werden.
Der erste Schritt ist die gezielte Vernetzung. Folgen Sie nicht wahllos, sondern suchen Sie bewusst nach den einflussreichen Stimmen in Ihrem Bereich. In Deutschland gibt es zahlreiche Tech-Influencerinnen, Gründerinnen und Managerinnen, die wertvolle Einblicke teilen. Allein die Community von Global Digital Women hat ein Netzwerk von über 50.000 Mitgliedern aufgebaut, das einen riesigen Pool an potenziellen Kontakten, Mentorinnen und Sponsorinnen darstellt. Indem Sie diesen Personen folgen und mit ihren Inhalten interagieren, werden Sie Teil der relevanten Konversationen.
Doch Vernetzung allein ist nur die halbe Miete. Der entscheidende Schritt ist, selbst zur Expertin zu werden, indem Sie Ihr eigenes Wissen teilen. Sie müssen keine Romane schreiben. Posten Sie kurze Einblicke aus Ihren Projekten, teilen Sie eine interessante Erkenntnis aus einem Fachartikel oder fassen Sie die Kernaussagen eines Konferenzvortrags zusammen. Regelmässigkeit und Authentizität sind hier wichtiger als Perfektion. So bauen Sie sich schrittweise einen Ruf als kompetente Fachfrau in Ihrem Gebiet auf.
Um Ihre LinkedIn-Präsenz strategisch aufzubauen, sollten Sie einen klaren Plan verfolgen. Die folgende Checkliste fasst die wichtigsten Schritte zusammen, um Ihr Profil von einem statischen Dokument in einen dynamischen Karriere-Motor zu verwandeln.
Ihr Aktionsplan für ein starkes LinkedIn-Profil
- Gezielte Vernetzung: Folgen Sie aktiv deutschen Tech-Influencerinnen, Gründerinnen und weiblichen Führungskräften, um Ihren Newsfeed mit relevanten Inhalten zu füllen.
- Hashtag-Strategie: Nutzen Sie relevante Hashtags wie #FraueninTech, #FemaleLeadership, #Digitalisierung oder spezifische Technologie-Tags, um Ihre Beiträge für ein breiteres Publikum sichtbar zu machen.
- Wissen teilen: Veröffentlichen Sie regelmässig (z.B. ein- bis zweimal pro Woche) kurze Beiträge über Ihre Projekterfahrungen, Lerneffekte oder Beobachtungen aus der Branche.
- Aktive Teilnahme: Engagieren Sie sich in relevanten Gruppen wie „Women in Tech“ oder der „Global Digital Women Community“, indem Sie Fragen stellen und beantworten und an Diskussionen teilnehmen.
- Grenzen setzen: Wahren Sie Professionalität und zögern Sie nicht, unangemessene Nachrichten oder Kontaktanfragen zu ignorieren, zu blockieren und zu melden. Ihr Profil ist ein beruflicher Raum.
Durch diese kontinuierliche Arbeit wird sich Ihr Netzwerk wandeln: Recruiter werden auf Sie zukommen, Einladungen zu exklusiven Events werden folgen und Sie werden für Positionen in Betracht gezogen, die niemals öffentlich ausgeschrieben werden.
Das Wichtigste in Kürze
- Strukturelle Hürden überwinden: Der Gender Pay Gap und Karrierebarrieren sind oft systemisch bedingt. Erkennen Sie die Muster, um sie gezielt zu durchbrechen.
- Sponsoring statt Mentoring: Suchen Sie aktiv nach Sponsoren – Personen, die sich für Sie einsetzen –, anstatt nur auf Ratschläge von Mentoren zu warten.
- Soft Skills als Machtinstrument: In einer technologiegetriebenen Welt werden Empathie, Kommunikation und strategisches Denken zu entscheidenden Faktoren für den Aufstieg in Führungspositionen.
Warum entscheiden Soft Skills heute öfter über Beförderungen als Fachwissen?
In der Tech-Welt wurde lange Zeit ein Mantra gepredigt: Code is king. Technische Exzellenz galt als das alleinige Kriterium für Erfolg und Aufstieg. Diese Ära neigt sich dem Ende zu. Natürlich bleiben Hard Skills das Fundament Ihrer Karriere, doch sie sind zu einer Grundvoraussetzung geworden, nicht mehr zum alleinigen Differenzierungsmerkmal. In einer zunehmend komplexen und vernetzten Arbeitswelt sind es die Soft Skills, die heute über die Besetzung von Führungspositionen entscheiden.
Fähigkeiten wie Kommunikation, Empathie, Konfliktlösung und strategisches Denken sind keine „netten Extras“ mehr, sondern knallharte Geschäftskompetenzen. Ein Team Lead muss nicht der beste Coder sein, sondern die Person, die das Team motivieren, Stakeholder überzeugen und komplexe Projekte durch politische Minenfelder navigieren kann. Dies wird durch die Zahlen untermauert: Obwohl Frauen oft hohe soziale Kompetenzen zugeschrieben werden, zeigt die Statistik, dass 2021 nur 29,2% der Führungskräfte in Deutschland weiblich waren. Dies deutet darauf hin, dass diese Fähigkeiten bei Frauen oft übersehen oder nicht als führungsrelevant anerkannt werden.
Hier liegt Ihre grösste strategische Chance. Machen Sie Ihre Soft Skills sichtbar und rahmen Sie sie als entscheidenden Business-Wert. Wenn Sie eine festgefahrene Diskussion zwischen zwei Abteilungen gelöst haben, war das nicht nur „vermitteln“, sondern effektives Stakeholder-Management. Wenn Sie einem Junior-Kollegen geholfen haben, ein Problem zu lösen, war das nicht nur „nett“, sondern aktives Mentoring und Teamentwicklung. Der Experte für digitale Transformation, Robert Franken, geht sogar so weit zu sagen:
Frauen sind die Archetypen der Digitalisierung.
– Robert Franken, Experte für digitale Transformation
Diese Aussage unterstreicht die Idee, dass Eigenschaften, die traditionell als „weiblich“ gelten – wie kollaboratives Arbeiten, Empathie und kommunikative Stärke – genau die Kompetenzen sind, die in der modernen, agilen Arbeitswelt am dringendsten benötigt werden. Es geht darum, diese Fähigkeiten nicht zu verstecken, sondern sie selbstbewusst als Ihre Superkräfte für eine Führungsrolle zu positionieren.
Beginnen Sie noch heute damit, diese Strategien anzuwenden. Bewerten Sie Ihre aktuelle Position, identifizieren Sie potenzielle Sponsoren in Ihrem Netzwerk und machen Sie Ihre Soft Skills in jedem Meeting und jedem Projektbericht sichtbar. Ihr nächster Karriereschritt wartet nicht auf Erlaubnis – er wartet auf Ihre Initiative.