Die Bruttorendite ist keine Rendite, sondern der Startpunkt für einen finanziellen Stresstest, der die wahre Widerstandsfähigkeit eines Immobilieninvestments aufdeckt.
- Versteckte Verwaltungs- und Instandhaltungskosten können die beworbene Rendite um ein bis zwei Prozentpunkte schmälern.
- Ein Zinsanstieg bei der Anschlussfinanzierung kann den Cashflow schnell ins Negative kehren und den Hebeleffekt umkehren.
- Unberücksichtigte Risiken wie Mietausfall oder teure Sanierungen (Sanierungsstau) sind die häufigsten Ursachen für scheiternde Immobilienkalkulationen.
Empfehlung: Kaufen Sie niemals eine Immobilie, ohne zuvor das Worst-Case-Szenario – steigende Zinsen, Leerstand und eine teure Sonderumlage – durchgerechnet zu haben.
Jeder angehende Immobilieninvestor kennt das Gefühl: Man öffnet ein Immobilienportal und sieht ein Inserat mit einer verlockenden Angabe – „5 % Bruttorendite“. Das Gehirn beginnt sofort zu rechnen, die Fantasie malt Bilder von passivem Einkommen und einem sicheren Vermögensaufbau. Doch hier beginnt für die meisten bereits der erste und teuerste Fehler. Die Bruttorendite, so prominent sie auch beworben wird, ist bestenfalls eine unvollständige Kennzahl, schlimmstenfalls eine bewusste Irreführung.
Natürlich wissen die meisten, dass von den Mieteinnahmen noch Kosten abgehen. Man rechnet grob mit „irgendwas für die Verwaltung“ und „ein bisschen was für Reparaturen“. Diese oberflächliche Betrachtung ist der direkte Weg in eine Investitionsfalle. Die wahre Aufgabe eines professionellen Investors besteht nicht darin, eine optimistische Bruttorendite zu bewundern, sondern die Widerstandsfähigkeit des Investments unter Druck zu testen. Es geht nicht darum, was die Immobilie im besten Fall abwirft, sondern was im schlimmsten Fall vom Cashflow übrig bleibt.
Dieser Artikel führt Sie durch den analytischen Prozess eines Investment-Analysten. Wir werden die Bruttorendite systematisch dekonstruieren und die versteckten Kosten, finanziellen Risiken und strukturellen Schwachstellen aufdecken, die in keinem Hochglanzprospekt erwähnt werden. Sie werden lernen, wie man eine Immobilie einem echten Stresstest unterzieht, um eine ehrliche und belastbare Entscheidungsgrundlage zu schaffen.
Der folgende Leitfaden bietet Ihnen eine detaillierte Analyse der Faktoren, die Ihre tatsächliche Rendite bestimmen. Jeder Abschnitt beleuchtet eine spezifische Kostenfalle oder ein Risiko, das Sie in Ihre Kalkulation einbeziehen müssen, um nicht Opfer einer geschönten Werbebotschaft zu werden.
Inhaltsverzeichnis: Warum die Bruttorendite eine gefährliche Illusion ist
- Wie schmälern Verwaltungskosten und Unterhalt Ihre Nettorendite tatsächlich?
- Der Fehler, keine Rücklagen für die Heizungssanierung einzuplanen
- Was passiert mit Ihrem Cashflow, wenn die Hypothekarzinsen auf 3% steigen?
- Warum muss die Rendite bei Gewerbeobjekten höher sein als bei Wohnungen?
- Wann sollten Sie 5% Mietausfall in Ihre Kalkulation einbauen?
- Wann rechnet sich die teurere Investition in eine Kupferfassade?
- Warum kosten gebrauchte Modelle oft das Doppelte des Listenpreises?
- Lohnt sich der Kauf einer Eigentumswohnung zur Vermietung für Privatpersonen noch?
Wie schmälern Verwaltungskosten und Unterhalt Ihre Nettorendite tatsächlich?
Die erste und offensichtlichste Abweichung von der Bruttorendite entsteht durch die laufenden Kosten, die nicht auf den Mieter umgelegt werden können. Dazu gehören vor allem die Kosten für die WEG-Verwaltung (Wohnungseigentümergemeinschaft) und die Instandhaltungsrücklage. Viele Anleger unterschätzen diese Positionen massiv. Eine Bruttorendite von 5 % kann sich schnell in Luft auflösen, wenn die Realität der nicht umlegbaren Kosten einsetzt. Diese Kosten sind keine Peanuts, sondern ein fester und signifikanter Bestandteil Ihrer Kalkulation.
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht den Effekt: Eine Eigentumswohnung für 400.000 Euro mit 20.000 Euro Jahresmieteinnahmen hat auf dem Papier eine Bruttorendite von 5 %. Berücksichtigt man jedoch die Kaufnebenkosten und zieht allein 2.000 Euro für nicht umlegbare Kosten und Instandhaltung ab, sinkt die Nettorendite bereits auf unter 4 %. Dies zeigt, wie schnell ein voller Prozentpunkt Rendite durch Standardkosten verloren gehen kann.
Zusätzlich zur WEG-Verwaltung entscheiden sich viele Investoren für eine Sondereigentumsverwaltung, die sich um die Belange des Mieters kümmert. Diese optionale, aber oft notwendige Dienstleistung frisst weitere Prozentpunkte der Mieteinnahmen. Der folgende Überblick zeigt die typischen Kostenstrukturen.
| Kostenart | WEG-Verwaltung | Sondereigentumsverwaltung |
|---|---|---|
| Monatliche Kosten | 25-35€ pro Einheit | 4-6% der Kaltmiete |
| Verpflichtung | Obligatorisch | Optional |
| Jährliche Belastung (100qm Wohnung) | 300-420€ | 480-720€ (bei 1000€ Kaltmiete) |
Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Verwaltungskosten allein schnell über 1.000 Euro pro Jahr erreichen können. Dieser Betrag muss vollständig aus Ihrem Gewinn bezahlt werden und reduziert Ihre Nettomietrendite direkt. Wer diese Kosten ignoriert, betreibt von Anfang an eine Schönrechnerei.
Der Fehler, keine Rücklagen für die Heizungssanierung einzuplanen
Einer der grössten finanziellen Sprengsätze für Immobilieninvestoren ist der sogenannte Sanierungsstau. Während kleinere Reparaturen oft über die monatliche Instandhaltungsrücklage der WEG abgedeckt sind, sprengen Grossprojekte wie die Sanierung der Heizungsanlage, des Daches oder der Fassade oft den Rahmen. Das Ergebnis sind hohe Sonderumlagen, die jeder Eigentümer aus eigener Tasche zahlen muss und die den Cashflow für Monate oder sogar Jahre ruinieren können.
Die beworbene Bruttorendite ignoriert dieses Risiko vollständig. Ein professioneller Investor hingegen prüft proaktiv, welche Grosssanierungen in den nächsten 5-10 Jahren anstehen könnten. Als Faustregel für die notwendige Höhe der Rücklagen gilt die Peterssche Formel. So empfiehlt die Peterssche Formel, jährlich mindestens 1-2 % des Immobilienwerts als Instandhaltungsrücklage anzusparen, um für solche Fälle gewappnet zu sein. Bei einer 400.000-Euro-Wohnung wären das 4.000 bis 8.000 Euro pro Jahr – ein Betrag, der in kaum einer Renditeberechnung im Inserat auftaucht.

Das obige Bild ist keine Seltenheit in älteren Gebäuden. Korrosion und Verschleiss sind stille Killer Ihrer Rendite. Der beste Weg, um versteckte Kostenfallen aufzudecken, ist die sorgfältige Analyse der Protokolle der letzten Eigentümerversammlungen. Hier wird oft über anstehende Massnahmen und deren Finanzierung diskutiert, lange bevor eine Sonderumlage beschlossen wird.
Aktionsplan: WEG-Protokolle auf Sanierungsrisiken prüfen
- Protokolle anfordern: Fordern Sie die Protokolle der letzten drei Eigentümerversammlungen vom Verkäufer oder Makler an.
- Schlüsselwörter suchen: Suchen Sie gezielt nach Diskussionen über Heizung, Dach, Fassade, Fenster oder energetische Modernisierung.
- Beschlüsse prüfen: Identifizieren Sie bereits beschlossene Sonderumlagen oder die Einholung von Kostenvoranschlägen für Grossreparaturen.
- Rücklagenhöhe abgleichen: Vergleichen Sie die Höhe der aktuellen Instandhaltungsrücklage der WEG mit dem potenziellen Sanierungsbedarf. Eine niedrige Rücklage bei einem alten Gebäude ist ein Alarmsignal.
- Wirtschaftsplan analysieren: Prüfen Sie den aktuellen Wirtschaftsplan auf geplante Erhöhungen der Instandhaltungsrücklage.
Was passiert mit Ihrem Cashflow, wenn die Hypothekarzinsen auf 3% steigen?
Viele Immobilienkalkulationen basieren auf einem gefährlich optimistischen Fundament: den aktuell niedrigen Hypothekarzinsen. Ein Investor, der heute mit 1,5 % Zinsen finanziert, erzielt vielleicht einen positiven Cashflow. Doch was geschieht in 10 oder 15 Jahren bei der Anschlussfinanzierung, wenn die Zinsen auf 3 % oder sogar 4 % gestiegen sind? Dieser Zinsschock kann einen positiven Cashflow über Nacht in ein monatliches Verlustgeschäft verwandeln.
Dieses Phänomen hängt eng mit dem sogenannten Hebeleffekt (Leverage-Effekt) zusammen. Solange der Fremdkapitalzins niedriger ist als die Gesamtkapitalrentabilität der Immobilie, steigert der Einsatz von Fremdkapital die Eigenkapitalrendite. Steigt der Zins jedoch über die Objektrendite, kehrt sich der Effekt um und das Fremdkapital vernichtet Eigenkapital. Wie Dr. Klein Finanzexperten in ihrer Analyse zur Renditeberechnung für Immobilien erklären:
Diesen Zusammenhang zwischen Eigenkapitalrendite und Fremdkapitalquote bezeichnen Experten auch als Leverage-Effekt.
– Dr. Klein Finanzexperten, Renditeberechnung für Immobilien
Ein Stresstest ist hier unerlässlich. Kalkulieren Sie Ihr Investment nicht nur mit dem aktuellen Zinssatz, sondern auch mit einem realistischen Szenario für die Anschlussfinanzierung.
Fallbeispiel: Vom positiven zum negativen Cashflow durch Zinsschock
Ein Investor kauft eine Wohnung für 350.000 Euro und finanziert 300.000 Euro zu 1,5 % Zins (Zinsbindung 10 Jahre). Die monatliche Rate (Zins & Tilgung) ist niedriger als die Kaltmiete, der Cashflow ist positiv. Nach 10 Jahren beträgt die Restschuld noch ca. 240.000 Euro. Die Anschlussfinanzierung muss nun aber zu 3,5 % abgeschlossen werden. Die monatliche Zinslast verdreifacht sich fast, und selbst bei gleichbleibender Tilgung übersteigt die neue Rate die Mieteinnahmen. Der Investor muss nun jeden Monat Geld zuschiessen, nur um den Kredit zu bedienen. Der anfangs so positive Leverage-Effekt hat sich ins Gegenteil verkehrt.
Eine langfristige Zinsbindung oder die Bildung von Rücklagen für höhere Zinszahlungen sind strategische Antworten auf dieses Risiko. Die Bruttorendite aus dem Inserat ignoriert diese Zukunftsunsicherheit vollständig.
Warum muss die Rendite bei Gewerbeobjekten höher sein als bei Wohnungen?
Auf der Suche nach höheren Renditen stossen Investoren oft auf Gewerbeimmobilien – Büros, Praxen oder Ladenlokale –, die mit 6 %, 7 % oder mehr Bruttorendite locken. Hier ist besondere Vorsicht geboten. Diese höhere Rendite ist keine Einladung zum schnellen Geld, sondern eine Risikoprämie. Gewerbeimmobilien bergen strukturell höhere Risiken als Wohnimmobilien, die durch eine höhere Rendite kompensiert werden müssen.
Der fundamentale Unterschied liegt in der Natur der Nachfrage. Wohnen ist ein Grundbedürfnis und daher relativ konjunkturunabhängig. Die Nachfrage nach Gewerbeflächen hingegen ist direkt an die wirtschaftliche Lage gekoppelt. In einer Rezession schliessen Unternehmen, reduzieren ihre Flächen oder können die Miete nicht mehr zahlen. Das Leerstandsrisiko ist signifikant höher. Die Entwicklung nach der Pandemie zeigt dies deutlich, als die verstärkte Beibehaltung des Homeoffice zu unerwarteten Leerständen bei Bürogebäuden führte.

Zudem geniessen Gewerbemieter deutlich weniger Schutz als Wohnungsmieter. Während dies auf den ersten Blick vorteilhaft erscheint (leichtere Kündigung), bedeutet es auch eine höhere Fluktuation und kürzere Mietvertragslaufzeiten. Ein Mieterwechsel bei einer Gewerbeimmobilie kann schnell zu einem Leerstand von 6-12 Monaten führen, was die Rendite ganzer Jahre zunichtemacht.
Die folgende Tabelle stellt die wesentlichen Risikounterschiede gegenüber, die eine höhere Renditeerwartung bei Gewerbeobjekten rechtfertigen.
| Kriterium | Wohnimmobilien | Gewerbeimmobilien |
|---|---|---|
| Mieterschutz | Stark ausgeprägt | Vertragsfreiheit |
| Kündigungsschutz | Strenge Regeln | Flexibel verhandelbar |
| Marktvolatilität | Gering (Grundbedürfnis) | Hoch (Konjunkturabhängig) |
| Leerstandsrisiko | Moderat | Erhöht |
| Renditeerwartung | 3-5% | 6-8%+ |
Eine Bruttorendite von 4 % bei einer Wohnung in einer A-Lage kann daher ein besseres Investment sein als 7 % bei einem Büro in einer B-Lage. Die höhere Rendite ist kein Geschenk, sondern die Bezahlung für ein höheres Risiko.
Wann sollten Sie 5% Mietausfall in Ihre Kalkulation einbauen?
Das Mietausfallwagnis ist eine der am häufigsten ignorierten Variablen in Hobby-Investoren-Kalkulationen. Man geht stillschweigend davon aus, dass die Miete immer pünktlich und vollständig fliesst. Die Realität sieht anders aus. Mieter können kündigen, in Zahlungsschwierigkeiten geraten oder die Wohnung muss zwischen zwei Vermietungen renoviert werden. Jeder Monat Leerstand kostet Sie 1/12 Ihrer Jahreskaltmiete und damit einen erheblichen Teil Ihrer Rendite.
Eine pauschale Annahme von 5 % Mietausfallrisiko pro Jahr (was etwa einem halben Monat Leerstand entspricht) ist ein guter Startpunkt, aber oft zu ungenau. Das tatsächliche Risiko hängt stark von der Lage der Immobilie und dem Objekttyp ab. In einer gefragten Metropole mit Wohnraummangel (A-Lage) ist das Risiko eines langen Leerstands gering. In einer strukturschwachen Region mit Bevölkerungsrückgang (C-Lage) kann ein Leerstand von mehreren Monaten zur bitteren Realität werden. Experten raten dazu, einen signifikanten Puffer einzuplanen. So sollten laut Experten von Exporo etwa 20 bis 30 Prozent der Jahresnettokaltmiete für Verwaltung, Instandhaltung und das Mietausfallrisiko veranschlagt werden.
Die Art des Objekts spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Risikobewertung. Ein möbliertes Mikroapartment hat eine hohe Fluktuation, aber die Neuvermietung geht oft schnell. Eine grosse Familienwohnung hat eine geringe Fluktuation, aber wenn die Familie auszieht, kann die Suche nach passenden Nachmietern dauern. Eine differenzierte Betrachtung ist unerlässlich:
- Mikroapartments/Studentenwohnungen: Hohe Fluktuation ist normal. Kalkulieren Sie 1-2 Monate Leerstand pro Jahr ein, insbesondere während der Semesterferien.
- Standard-Wohnungen in A-Lagen: Geringes Risiko. Ein Puffer von 2-3 % der Jahresmiete ist oft ausreichend.
- Wohnungen in B- und C-Lagen: Deutlich höheres Risiko. Ein Ansatz von 5-10 % ist hier realistischer.
- Luxusimmobilien: Geringe Zielgruppe, potenziell lange Vermarktungszeiten. Das Risiko eines langen Leerstands ist hoch.
Die Bruttorendite aus dem Inserat rechnet mit 0 % Mietausfall. Ein professioneller Investor rechnet mit einem realistischen, standort- und objektspezifischen Puffer. Dieser Puffer ist Ihr finanzielles Sicherheitsnetz gegen unvorhergesehene Einnahmeausfälle.
Wann rechnet sich die teurere Investition in eine Kupferfassade?
Auf den ersten Blick wirkt eine Diskussion über teure Baumaterialien wie eine Kupferfassade deplatziert, wenn es um die Rendite einer Mietwohnung geht. Doch sie illustriert perfekt ein fundamentales Prinzip, das die Bruttorendite völlig ausblendet: die Lebenszykluskosten einer Immobilie. Die Bruttorendite betrachtet nur die Einnahmen eines Jahres im Verhältnis zum Kaufpreis. Ein strategischer Investor betrachtet jedoch die Gesamtkosten über einen Zeitraum von 20, 30 oder sogar 50 Jahren.
Eine konventionelle Putzfassade mag in der Anschaffung günstig sein. Sie muss jedoch alle 15-20 Jahre gereinigt und neu gestrichen werden – eine teure Massnahme, die als Sonderumlage auf alle Eigentümer zukommt und die Nettorendite über Jahre schmälert. Eine Kupferfassade hingegen ist in der Erstinvestition extrem teuer. Ihr entscheidender Vorteil liegt jedoch in ihrer Langlebigkeit und Wartungsfreiheit. Sie entwickelt über Jahrzehnte eine charakteristische Patina und benötigt praktisch keinen Unterhalt.
Die Entscheidung lautet also nicht „billig vs. teuer“, sondern „geringe Anfangskosten vs. geringe Folgekosten“. Die teurere Erstinvestition kann sich über den Lebenszyklus des Gebäudes mehr als bezahlt machen, da hohe, wiederkehrende Instandhaltungskosten entfallen. Dies führt zu einer stabileren und langfristig sogar höheren Nettorendite, auch wenn die anfängliche Bruttorendite durch den hohen Kaufpreis niedriger erscheint. Dieses Prinzip gilt für viele Bauteile: hochwertige Fenster, langlebige Dachziegel oder eine robustere Haustechnik. Die Bruttorendite verleitet zu kurzfristigem Denken und bestraft qualitativ hochwertige, langlebige Bauweisen.
Ein kluger Investor fragt daher nicht nur „Was kostet es?“, sondern „Was kostet es über 30 Jahre?“. Er bezieht die zu erwartenden Instandhaltungszyklen und -kosten in seine Kalkulation mit ein. Eine Immobilie mit hochwertigen, wartungsarmen Komponenten mag eine niedrigere Bruttorendite aufweisen, bietet aber oft den sichereren und profitableren langfristigen Cashflow.
Warum kosten gebrauchte Modelle oft das Doppelte des Listenpreises?
Der Titel mag paradox klingen, aber er verweist auf ein wichtiges Phänomen am Immobilienmarkt, das die simple Bruttorendite-Betrachtung ad absurdum führt: den Unterschied zwischen Renditeobjekt und Wertanlage. Die Bruttorendite fokussiert sich ausschliesslich auf den laufenden Ertrag aus Mieteinnahmen. Sie ignoriert jedoch völlig das Potenzial der Wertsteigerung, das oft der eigentliche Treiber für ein erfolgreiches Immobilieninvestment ist.
Stellen Sie sich zwei Wohnungen vor: Ein „Neubau-Modell“ in einer peripheren B-Lage mit 4 % Bruttorendite. Und ein „gebrauchtes Modell“ – eine Altbauwohnung in einer absolut zentralen A+-Lage einer Metropole, die aber nur 2 % Bruttorendite abwirft. Der naive Investor würde sich für die 4 % entscheiden. Der erfahrene Investor weiss jedoch, dass die Wertentwicklung der beiden Objekte dramatisch unterschiedlich ausfallen kann.
Die Altbauwohnung in Top-Lage („gebrauchtes Modell“) mag eine niedrige laufende Rendite haben, aber ihr Wert kann sich aufgrund der extremen Nachfrage und des begrenzten Angebots in 10 Jahren verdoppeln. Der hohe Kaufpreis, der dem „doppelten Listenpreis“ eines Neubaus in einfacherer Lage entsprechen könnte, reflektiert dieses enorme Wertsteigerungspotenzial. Die Rendite wird hier nicht primär durch die Miete, sondern durch den späteren Verkauf realisiert. Der Neubau in der B-Lage hingegen hat vielleicht einen soliden Cashflow, aber sein Wertsteigerungspotenzial ist deutlich begrenzter und stärker von der allgemeinen Marktentwicklung abhängig.
Die Bruttorendite ist blind für diesen strategischen Unterschied. Sie behandelt eine Immobilie wie eine Anleihe, die einen festen Kupon (Miete) abwirft. Sie erfasst nicht den spekulativen oder werterhaltenden Charakter eines einzigartigen „Assets“ in einer erstklassigen Lage. Für Investoren, deren Hauptziel der langfristige Vermögensaufbau durch Wertsteigerung ist, kann eine niedrige Bruttorendite sogar ein Indikator für eine qualitativ hochwertige, sichere und begehrte Lage sein – und damit genau das richtige Investment.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Bruttorendite ist eine Marketingkennzahl, die entscheidende Kosten (Verwaltung, nicht umlegbare Nebenkosten, Instandhaltung) ignoriert.
- Ein professioneller Stresstest muss Risiken wie Mietausfall, Zinserhöhungen bei der Anschlussfinanzierung und teure Sonderumlagen für Sanierungen simulieren.
- Die wahre Rentabilität eines Investments zeigt sich erst im langfristigen Netto-Cashflow nach Abzug aller Kosten, Rücklagen und Steuern.
Lohnt sich der Kauf einer Eigentumswohnung zur Vermietung für Privatpersonen noch?
Nachdem wir die Bruttorendite als trügerische Kennzahl entlarvt und die Vielzahl an Kosten und Risiken beleuchtet haben, stellt sich die entscheidende Frage: Lohnt es sich überhaupt noch, als Privatperson in eine vermietete Eigentumswohnung zu investieren? Die Antwort ist ein klares „Es kommt darauf an“. Es kommt darauf an, welcher Typ von Investor Sie sind und mit welcher Herangehensweise Sie kalkulieren.
Der Markt trennt heute mehr denn je die Spreu vom Weizen. Wer blind auf die Bruttorendite vertraut und die Risiken ignoriert, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Geld verlieren. Der realistische Investor, der alle Kosten einplant und konservativ rechnet, kann immer noch eine solide, wenn auch moderate Rendite erzielen. Der optimierte Investor, der zusätzlich steuerliche Vorteile nutzt und sich Zinsen langfristig sichert, kann eine attraktive Rendite erwirtschaften, die über der reinen Inflationsabsicherung liegt.
Die folgende Übersicht fasst die drei typischen Szenarien zusammen und zeigt, wie die Herangehensweise das Ergebnis bestimmt.
Diese vergleichende Analyse der Investorentypen verdeutlicht, dass der Erfolg nicht vom Markt, sondern von der eigenen Professionalität abhängt.
| Investortyp | Vorgehensweise | Erwartete Rendite | Risiko |
|---|---|---|---|
| Der naive Investor | Kauft nach Bruttorendite | Negativ bis 0% | Sehr hoch |
| Der realistische Investor | Kalkuliert alle Kosten ein | 2-3% | Moderat |
| Der optimierte Investor | Nutzt Steuervorteile, sichert Zinsen langfristig | 3-4% | Kontrolliert |
Der Kauf einer Eigentumswohnung zur Vermietung ist also kein Selbstläufer mehr. Er ist eine unternehmerische Tätigkeit, die eine sorgfältige Analyse, eine konservative Kalkulation und eine aktive Bewirtschaftung erfordert. Wer bereit ist, diese Arbeit zu leisten, kann nach wie vor erfolgreich Vermögen aufbauen. Wer auf schnellen und passiven Reichtum hofft, sollte sich nach Alternativen umsehen.
Beginnen Sie jetzt damit, diese analytische Herangehensweise auf Ihr nächstes potenzielles Investment anzuwenden. Fordern Sie alle notwendigen Unterlagen an, führen Sie Ihren eigenen Stresstest durch und treffen Sie eine fundierte Entscheidung, die nicht auf einer Werbebotschaft, sondern auf einer soliden Kalkulation beruht.
Häufige Fragen zu Warum ist die Bruttorendite im Inserat oft eine Mogelpackung für Investoren?
Welche Alternativen gibt es zum direkten Immobilienkauf?
Investieren kann man in Immobilien entweder direkt oder indirekt. An der Börse kann man in REITs (Real Estate Investment Trusts) investieren, die mit Steuervorteilen und stabilen Gewinnausschüttungen locken. Mit REITs investiert man günstiger und breiter gestreut in den Immobilienmarkt. Eine weitere Möglichkeit sind offene oder geschlossene Immobilienfonds.
Warum sind REITs eine gute Alternative?
REITs bieten eine hohe Liquidität (Kauf/Verkauf an der Börse), eine breite Diversifikation über viele Immobilien und Regionen hinweg und ersparen dem Anleger den gesamten Verwaltungsaufwand. Wir empfehlen ein günstiges, diversifiziertes Investieren in (internationale) REITs als Alternative zum Direktinvestment, insbesondere für Anleger, die den Aufwand und das Klumpenrisiko einer Einzelimmobilie scheuen.
Was ist der Vorteil von Immobilienfonds?
Mit Immobilienfonds haben Anleger die Möglichkeit, Anteile an einem Portfolio von Immobilien zu erwerben und die Vermietung sowie Verwaltung professionellen Händen zu überlassen. Mit Immobilienfonds werden häufig grössere Gewerbeimmobilien finanziert, zu denen Privatanleger sonst keinen Zugang hätten. Sie bieten eine einfachere Form der Diversifikation als der Kauf einer einzelnen Wohnung.