Jahrelange Berufserfahrung, aber keine Beförderung wegen eines fehlenden Dokuments? Sie müssen nicht bei Null anfangen.
- Es gibt offizielle Wege (Externenprüfung, Validierungsverfahren), um Ihre Praxis in einen IHK/HWK-Abschluss umzuwandeln.
- Umfangreiche Förderungen wie Bildungsgutscheine und Aufstiegs-BAföG decken oft die gesamten Kosten und sichern den Lebensunterhalt.
Empfehlung: Beginnen Sie mit einer Kompetenzbilanz: Listen Sie Ihre Tätigkeiten und Kenntnisse auf, um den schnellsten Weg zur Nachqualifizierung zu identifizieren.
Sie sind über 30, ein Experte in Ihrem Job und beherrschen Ihr Handwerk im Schlaf. Doch bei der nächsten Beförderung wird der Kollege mit dem frisch gedruckten Zeugnis vorgezogen. Dieses Szenario ist für viele Fachkräfte ohne formalen Berufsabschluss eine frustrierende Realität. Man fühlt sich, als würde man gegen eine gläserne Decke stossen, die nur mit einem Stück Papier durchbrochen werden kann. Der Gedanke, mit Mitte 30 noch einmal für zwei oder drei Jahre die Schulbank zu drücken und eine komplette Ausbildung zu absolvieren, scheint neben Familie und finanziellen Verpflichtungen schlichtweg unmöglich.
Die üblichen Ratschläge wie „Mach doch eine Umschulung“ oder „Lass dich beraten“ klingen gut, verkennen aber oft die Lebensrealität erfahrener Berufsleute. Sie sind kein unbeschriebenes Blatt mehr. Sie bringen wertvolles, in der Praxis erworbenes Wissen mit, das in keinem Lehrbuch steht. Aber was wäre, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, alles neu zu lernen, sondern darin, Ihr vorhandenes Können strategisch anerkennen zu lassen? Wenn Ihre jahrelange Erfahrung nicht Ihr Nachteil, sondern Ihr grösstes Kapital auf dem Weg zum offiziellen Abschluss ist?
Genau hier setzt ein Umdenken ein: Weg von der Vorstellung, bei Null starten zu müssen, hin zu einem gezielten Validierungsverfahren. Es geht darum, eine ehrliche Kompetenzbilanz zu ziehen, die Lücken zu identifizieren und nur diese gezielt zu schliessen. Dieser Ansatz kann den Weg zum IHK- oder HWK-Abschluss dramatisch verkürzen und finanziell tragbar machen. Dieser Artikel führt Sie durch die konkreten Wege, Finanzierungsmodelle und Strategien, mit denen Sie Ihre Berufserfahrung in einen anerkannten Abschluss umwandeln – und endlich die Anerkennung erhalten, die Sie verdienen.
Um Ihnen einen klaren Überblick über Ihre Möglichkeiten zu geben, haben wir diesen Leitfaden in praxisnahe Abschnitte unterteilt. Jeder Teil beantwortet eine zentrale Frage auf Ihrem Weg zur beruflichen Anerkennung.
Inhalt: Ihr Leitfaden zur beruflichen Anerkennung
- Wie erhalten Sie den Berufsabschluss ohne nochmals die Schulbank zu drücken?
- Wann lohnt sich die verkürzte Lehre für Erwachsene finanziell?
- Vom Büro auf den Bau oder umgekehrt: Wie gelingt der radikale Wechsel?
- Das Problem der Fixkosten: Wie finanzieren Sie zwei Jahre Ausbildung mit Familie?
- Warum gilt Ihr ausländischer Abschluss in Deutschland nicht automatisch?
- Bootcamps vs. Studium: Welcher Weg in die IT ist für Berufserfahrene schneller?
- Wann zahlt die Agentur für Arbeit oder der Arbeitgeber Ihre Umschulung?
- Warum ist die Berufslehre für viele der bessere Karrierestart als das Gymnasium?
Wie erhalten Sie den Berufsabschluss ohne nochmals die Schulbank zu drücken?
Der direkteste Weg, einen Berufsabschluss ohne eine vollständige, mehrjährige Ausbildung zu erlangen, ist die sogenannte Externenprüfung oder „Nichtschülerprüfung“ bei der zuständigen Kammer (IHK oder HWK). Diese Option ist speziell für Personen konzipiert, die bereits über umfassende Berufserfahrung verfügen. Die Kernidee ist einfach: Sie beweisen in einer Prüfung, dass Sie die berufliche Handlungsfähigkeit besitzen, die normalerweise am Ende einer Ausbildung steht. Sie müssen also nicht das Wissen erwerben, sondern Ihr vorhandenes Wissen unter Beweis stellen.
Die entscheidende Voraussetzung dafür ist der Nachweis einer ausreichenden Berufspraxis. Als Faustregel gilt, dass Sie mindestens das Eineinhalbfache der regulären Ausbildungszeit in dem entsprechenden Beruf tätig gewesen sein müssen. Bei einem dreijährigen Ausbildungsberuf wären das also mindestens 4,5 Jahre relevanter Berufserfahrung. Dies ermöglicht es Ihnen, direkt zur Abschlussprüfung zugelassen zu werden, ohne eine einzige Stunde in einer Berufsschule verbracht zu haben.
Eine weitere, zukunftsweisende Entwicklung ist das neue Berufsvalidierungsgesetz. Eine wichtige Neuerung ist, dass das neue Berufsvalidierungsgesetz ab 2025 Personen ab 25 Jahren mit entsprechender Berufserfahrung ermöglicht, ihre Kompetenzen offiziell feststellen und bescheinigen zu lassen. Dieses Validierungsverfahren analysiert Ihre Fähigkeiten und stellt fest, welche Teile eines Berufsabschlusses Sie bereits erfüllen. Das Ergebnis ist eine Bescheinigung, die Ihre Gleichwertigkeit mit ausgebildeten Fachkräften dokumentiert und den Grundstein für eine gezielte, modulare Nachqualifizierung legt.
Wann lohnt sich die verkürzte Lehre für Erwachsene finanziell?
Auch wenn die Externenprüfung der schnellste Weg ist, kann eine strukturierte Qualifizierung sinnvoller sein, um Wissenslücken gezielt zu schliessen. Hier stellt sich für Erwachsene sofort die finanzielle Frage: Wie soll das gehen? Eine klassische Lehre mit geringem Ausbildungsgehalt ist meist keine Option. Die Lösung liegt oft in einer verkürzten Umschulung oder Qualifizierung, die speziell auf die Bedürfnisse von Berufserfahrenen zugeschnitten ist und finanziell gefördert wird.
Der entscheidende Faktor ist hier der Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit. Wenn die Weiterbildung notwendig ist, um eine drohende Arbeitslosigkeit abzuwenden oder um Sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, können die Kosten vollständig übernommen werden. Besonders wichtig: Während einer Vollzeit-Umschulung wird in der Regel das Arbeitslosengeld weitergezahlt, was den Lebensunterhalt sichert. Dies macht die Vollzeit-Option oft zur finanziell attraktivsten, da Sie sich voll auf das Lernen konzentrieren können, ohne sich um Miete und Rechnungen zu sorgen.

Die Alternative ist eine berufsbegleitende Qualifizierung. Hier behalten Sie Ihr reguläres Gehalt, müssen aber die Doppelbelastung von Arbeit und Lernen stemmen. Die finanzielle Rendite der Bildung zeigt sich hier langfristig durch Gehaltssprünge und bessere Jobchancen nach dem Abschluss. Die folgende Übersicht zeigt die zentralen Unterschiede.
Diese Tabelle vergleicht die wichtigsten Kriterien zwischen einer Vollzeit-Umschulung und einer berufsbegleitenden Qualifizierung, um Ihnen die finanzielle und persönliche Abwägung zu erleichtern.
| Kriterium | Vollzeit-Umschulung | Berufsbegleitende Qualifizierung |
|---|---|---|
| Dauer | 12-24 Monate | 24-48 Monate |
| Finanzierung | 100% über Bildungsgutschein möglich | Teilfinanzierung durch Arbeitgeber möglich |
| Lebensunterhalt | Arbeitslosengeld wird weitergezahlt | Reguläres Gehalt läuft weiter |
| Belastung | Vollzeitfokus auf Lernen | Doppelbelastung Arbeit + Lernen |
| Steuervorteile | Werbungskosten absetzbar | Werbungskosten absetzbar |
Vom Büro auf den Bau oder umgekehrt: Wie gelingt der radikale Wechsel?
Ein Quereinstieg in eine völlig neue Branche, etwa vom kaufmännischen Bereich ins Handwerk oder umgekehrt, ist mehr als nur ein Jobwechsel – es ist ein strategischer Karrierewechsel. Ein solcher Schritt gelingt nicht aus einer Laune heraus, sondern erfordert sorgfältige Planung und eine ehrliche Selbsteinschätzung. Der Schlüssel liegt oft darin, sich auf sogenannte Mangelberufe zu konzentrieren. Branchen wie das Handwerk, die IT, die Pflege oder der Erziehungsbereich suchen händeringend nach Personal und bieten daher spezielle Programme und eine höhere Offenheit für Quereinsteiger.
Der erste und wichtigste Schritt ist die Realitätsprüfung. Bevor Sie alles auf eine Karte setzen, absolvieren Sie unbedingt ein Praktikum oder eine Probearbeit. Nur so finden Sie heraus, ob die täglichen Anforderungen und die Arbeitskultur wirklich zu Ihnen passen. Viele Handwerkskammern oder Bildungsträger bieten zudem Vorbereitungskurse an, die einen Einblick in die Grundlagen des Berufs geben und auf eine mögliche Externenprüfung vorbereiten.
Fallbeispiel: Erfolgreiche Validierung bei der Handwerkskammer
Ein gutes Beispiel liefert die Praxis der Handwerkskammer Berlin. Durch ein Validierungsverfahren wird die berufliche Handlungsfähigkeit von erfahrenen Mitarbeitern ohne formalen Abschluss offiziell bescheinigt. Dieses Dokument hilft nicht nur den Teilnehmenden, ihre Karriere voranzutreiben, sondern gibt auch Betrieben die Sicherheit, die Fähigkeiten ihrer Angestellten korrekt einschätzen zu können. Es ist eine Win-Win-Situation, die den Wert von Praxiserfahrung formalisiert.
Ein solcher Wechsel ist eine grosse Herausforderung, aber mit der richtigen Strategie absolut machbar. Die Beratung durch die Agentur für Arbeit ist hierbei unerlässlich, um passende Förderungen und Programme zu identifizieren.
Ihr Aktionsplan: So auditieren Sie Ihre eigene Berufserfahrung
- Tätigkeiten inventarisieren: Listen Sie alle Ihre beruflichen Aufgaben der letzten 5-7 Jahre detailliert auf. Welche Werkzeuge, Software und Methoden haben Sie genutzt?
- Kompetenzen ableiten: Übersetzen Sie Ihre Tätigkeiten in konkrete Kompetenzen. (z.B. aus „Kundenreklamationen bearbeitet“ wird „Konfliktmanagement und lösungsorientierte Kommunikation“).
- Abgleich mit Berufsbild: Vergleichen Sie Ihre Kompetenzliste mit dem offiziellen Ausbildungsrahmenplan des Zielberufs (online bei der IHK/HWK verfügbar). Wo gibt es Überschneidungen (ca. 80%)? Wo sind klare Lücken?
- Nachweise sammeln: Sammeln Sie Arbeitszeugnisse, Projektbeschreibungen, interne Zertifikate oder Referenzschreiben, die Ihre aufgelisteten Kompetenzen belegen können.
- Beratungsgespräch vorbereiten: Gehen Sie mit dieser strukturierten Mappe zu einem Beratungsgespräch bei der IHK/HWK oder der Agentur für Arbeit, um den schnellsten Weg zur Anerkennung zu besprechen.
Das Problem der Fixkosten: Wie finanzieren Sie zwei Jahre Ausbildung mit Familie?
Die grösste Hürde für eine berufliche Neuorientierung im Erwachsenenalter sind die laufenden Kosten. Miete, Versicherungen, Lebenshaltungskosten für die Familie – all das verschwindet nicht, nur weil man sich weiterbilden möchte. Glücklicherweise gibt es in Deutschland robuste Fördersysteme, die genau dieses Problem adressieren. Das wichtigste Instrument für eine höherqualifizierende Weiterbildung ist das Aufstiegs-BAföG (früher Meister-BAföG).
Das Aufstiegs-BAföG richtet sich an alle, die eine Fortbildung zum Meister, Techniker, Fachwirt oder eine vergleichbare Qualifikation anstreben. Es besteht aus zwei Hauptkomponenten: einem Zuschuss zu den Lehrgangs- und Prüfungsgebühren und einem Beitrag zum Lebensunterhalt bei Vollzeitmassnahmen. Der Unterhaltsbeitrag ist einkommens- und vermögensabhängig, bietet aber eine solide finanzielle Basis. Besonders attraktiv: Ein signifikanter Teil der Förderung ist ein reiner Zuschuss, der nicht zurückgezahlt werden muss. Der Rest ist ein zinsgünstiges Darlehen der KfW-Bank, bei dem bei erfolgreichem Abschluss ein Grossteil erlassen wird.

Gerade für Eltern ist die Förderung besonders wertvoll. Es gibt Zuschläge für Kinder und Alleinerziehende erhalten einen zusätzlichen Zuschuss zur Kinderbetreuung. Dies zeigt, dass der Staat die besondere Belastung von Familien während einer Weiterbildungsphase anerkennt und gezielt abfedert.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die maximalen Förderleistungen des Aufstiegs-BAföG, wie sie von Institutionen wie der NBank kommuniziert werden. Wie eine aktuelle Übersicht der Förderleistungen zeigt, sind die Zuschüsse beträchtlich.
| Förderbereich | Maximale Förderung | Zuschussanteil |
|---|---|---|
| Lehrgangs- und Prüfungsgebühren | 15.000 Euro | 50% Zuschuss, 50% zinsgünstiges Darlehen |
| Meisterstück/Prüfungsarbeit | 2.000 Euro | 50% Zuschuss |
| Unterhaltsbeitrag (Vollzeit) | 1.019 Euro/Monat | 100% Zuschuss (einkommensabhängig) |
| Kinderbetreuung Alleinerziehende | 150 Euro/Kind/Monat | 100% Zuschuss |
Warum gilt Ihr ausländischer Abschluss in Deutschland nicht automatisch?
Für Fachkräfte, die ihre Qualifikationen im Ausland erworben haben, stellt sich oft eine ernüchternde Frage: Warum wird mein Master- oder Facharbeiterabschluss hier nicht einfach anerkannt? Der Grund liegt in den unterschiedlichen Bildungssystemen und Qualitätsstandards weltweit. Deutschland hat ein sehr spezifisches duales Ausbildungssystem und hohe Anforderungen an akademische Grade. Eine automatische Anerkennung ist daher nur in den seltensten Fällen möglich, insbesondere bei reglementierten Berufen (z.B. Arzt, Lehrer, Ingenieur), bei denen eine staatliche Zulassung erforderlich ist.
Die zentrale Anlaufstelle zur Klärung dieser Frage ist die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB). Sie betreibt die Datenbank „anabin“, in der Hochschulabschlüsse aus aller Welt erfasst und bewertet sind. Ein erster, schneller Check in dieser Datenbank kann bereits Aufschluss darüber geben, wie Ihr Abschluss in Deutschland eingestuft wird – ob er als gleichwertig zu einem Bachelor, Master oder einer anderen Qualifikation gilt.
Wenn Ihr Abschluss dort nicht gefunden wird oder Sie ein offizielles Dokument für Arbeitgeber oder Behörden benötigen, ist eine formale Zeugnisbewertung der nächste Schritt. Wie die Experten betonen, ist dies ein klar strukturierter Prozess, der Sicherheit schafft.
Wie ein ausländischer Hochschulabschluss in Deutschland bewertet wird, lässt sich in der Datenbank anabin der ZAB feststellen. Wenn sich dort kein Eintrag finden lässt, können ausländische Fachkräfte eine Zeugnisbewertung bei der ZAB digital beantragen.
– Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen, Anerkennung in Deutschland Portal
Dieser Prozess ist zwar mit Kosten und Wartezeit verbunden, aber das Ergebnis – eine offizielle Bescheinigung über die Gleichwertigkeit Ihres Abschlusses – ist ein unschätzbar wertvoller Türöffner auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Es übersetzt Ihre ausländische Qualifikation in eine für deutsche Arbeitgeber verständliche und vergleichbare Grösse.
Bootcamps vs. Studium: Welcher Weg in die IT ist für Berufserfahrene schneller?
Die IT-Branche ist für Quereinsteiger besonders attraktiv, da hier praktische Fähigkeiten oft mehr zählen als formale Abschlüsse. Für Berufserfahrene, die schnell in diesen Sektor wechseln wollen, stellt sich die Frage: Ist ein kurzes, intensives Bootcamp oder eine längere, anerkannte IHK-Weiterbildung der bessere Weg? Die Antwort hängt stark von den persönlichen Karrierezielen und der Risikobereitschaft ab.
IT-Bootcamps versprechen einen schnellen Einstieg in Spezialgebiete wie Webentwicklung, Data Science oder UX/UI Design. In 3 bis 6 Monaten intensivem Vollzeit-Training erlernen die Teilnehmenden praxisrelevante, moderne Technologien. Der grosse Vorteil ist die Geschwindigkeit. Der Nachteil: Der Abschluss ist oft nur ein Teilnahmezertifikat, dessen Wert auf dem Arbeitsmarkt stark vom Ruf des Anbieters und dem eigenen Portfolio abhängt. Viele Bootcamps sind jedoch durch den Bildungsgutschein finanzierbar, was das finanzielle Risiko senkt.
Eine IHK-Weiterbildung, beispielsweise zum „Geprüften IT-Projektleiter (IHK)“, dauert berufsbegleitend deutlich länger (12-24 Monate), führt aber zu einem bundesweit anerkannten Abschluss. Dieser formale Titel öffnet Türen zu Senior- und Führungspositionen, die für Bootcamp-Absolventen anfangs oft unerreichbar sind. Zudem sind diese Weiterbildungen nicht nur über den Bildungsgutschein, sondern auch über das Aufstiegs-BAföG förderfähig.
Die Wahl ist also strategisch: Ein Bootcamp ist ein Sprint zu einer Junior-Stelle, während die IHK-Weiterbildung ein Marathon zu einer langfristig stabileren und höheren Position ist. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen.
| Kriterium | IT-Bootcamp | IHK-Weiterbildung |
|---|---|---|
| Dauer | 3-6 Monate intensiv | 12-24 Monate berufsbegleitend |
| Abschluss | Teilnahmezertifikat | Staatlich anerkannter IHK-Abschluss |
| Zielposition | Junior-Stellen | Senior- und Führungspositionen |
| Förderung | Bildungsgutschein möglich | Bildungsgutschein + Aufstiegs-BAföG |
| Anerkennung | Branchenabhängig | Bundesweit anerkannt |
Wann zahlt die Agentur für Arbeit oder der Arbeitgeber Ihre Umschulung?
Eine berufliche Weiterbildung oder Umschulung muss nicht immer aus eigener Tasche bezahlt werden. Es gibt zwei Hauptakteure, die ein starkes Interesse daran haben, in Ihre Qualifikation zu investieren: der Staat (vertreten durch die Agentur für Arbeit) und Ihr aktueller Arbeitgeber. Der Schlüssel liegt darin, zu wissen, wann und wie man diese Unterstützung mobilisieren kann.
Die Agentur für Arbeit ist der wichtigste Ansprechpartner, wenn Sie arbeitslos sind oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Durch den Bildungsgutschein können die Kosten für eine Umschulung oder Weiterbildung, die Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nachweislich verbessert, zu 100% übernommen werden. Aber auch für Beschäftigte gibt es starke Fördermöglichkeiten. Das Qualifizierungschancengesetz zielt genau darauf ab, Arbeitnehmer fit für die digitale Transformation zu machen und ihre Arbeitsplätze zu sichern. Gemäss diesem Gesetz können Weiterbildungskosten und sogar Lohnzuschüsse vom Staat übernommen werden, wenn der Arbeitgeber mitzieht.
Ihren Arbeitgeber von einer Finanzierung zu überzeugen, erfordert eine gute Argumentation. Es geht nicht darum zu bitten, sondern darum, einen klaren Business Case aufzuzeigen. Betonen Sie, wie das neu erworbene Wissen dem Unternehmen direkt zugutekommt: durch die Sicherung von Fachwissen, die Vermeidung teurer externer Rekrutierung und die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Zeigen Sie auf, dass die Investition in Sie eine Investition in die Zukunft des Unternehmens ist. Die staatlichen Zuschüsse durch das Qualifizierungschancengesetz sind hierbei ein starkes Argument, da sie die finanzielle Belastung für den Arbeitgeber erheblich reduzieren.
Die richtige Vorbereitung ist entscheidend, um Ihren Arbeitgeber zu überzeugen. Die folgende Liste bietet eine schlagkräftige Argumentationskette für Ihr Gespräch.
Aktionsplan: Argumente für die Finanzierung durch den Arbeitgeber
- Sicherung von Fachwissen: Betonen Sie, dass durch Ihre Weiterbildung kritisches betriebliches Wissen erhalten und modernisiert wird.
- Mitarbeiterbindung erhöhen: Argumentieren Sie, dass die Investition Ihre Loyalität und Motivation steigert, was langfristig günstiger ist als eine Neuanstellung.
- Rekrutierungskosten vermeiden: Rechnen Sie vor, was die Suche und Einarbeitung einer neuen Fachkraft kosten würde im Vergleich zu den Weiterbildungskosten.
- Staatliche Zuschüsse nutzen: Informieren Sie sich über das Qualifizierungschancengesetz und präsentieren Sie Ihrem Arbeitgeber, wie er staatliche Förderungen für Ihre Weiterbildung erhalten kann.
- Wettbewerbsvorteil sichern: Erklären Sie, wie Ihre neuen Fähigkeiten dem Unternehmen helfen, innovativ und wettbewerbsfähig zu bleiben.
Das Wichtigste in Kürze
- Ihre Berufserfahrung ist der Schlüssel: Sie müssen nicht bei Null anfangen, sondern können über die Externenprüfung oder ein Validierungsverfahren direkt zum Abschluss kommen.
- Finanzierung ist kein Hindernis: Mit dem Bildungsgutschein und dem Aufstiegs-BAföG gibt es starke staatliche Förderungen, die Kosten und Lebensunterhalt abdecken.
- Strategie ist alles: Ein Quereinstieg oder eine Nachqualifizierung gelingt am besten mit einem klaren Plan, von der Kompetenzbilanz bis zur Verhandlung mit dem Arbeitgeber.
Warum ist die Berufslehre für viele der bessere Karrierestart als das Gymnasium?
In der öffentlichen Wahrnehmung gilt das Abitur mit anschliessendem Studium oft als der Königsweg zur erfolgreichen Karriere. Doch diese Sichtweise wird der Realität des Arbeitsmarktes oft nicht gerecht, insbesondere für Erwachsene, die bereits fest im Berufsleben stehen. Für viele ist eine höherqualifizierende Berufsbildung, wie der Meisterbrief im Handwerk oder der Fachwirt in der Industrie, nicht nur eine Alternative, sondern der strategisch klügere Weg.
Der entscheidende Vorteil liegt in der extremen Praxisnähe. Während ein Hochschulstudium oft theoretisch bleibt, vermittelt die höhere Berufsbildung direkt anwendbares Wissen, das zur Führung eines Teams, zur Leitung von Projekten oder zur Gründung eines eigenen Unternehmens befähigt. Diese Qualifikationen geniessen auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein enorm hohes Ansehen. Ein Meisterbrief wird offiziell auf derselben Stufe (Niveau 6 des Deutschen Qualifikationsrahmens) wie ein Bachelor-Abschluss eingestuft. Er ist also keine „geringere“ Qualifikation, sondern eine gleichwertige mit einem anderen Fokus.
Finanziell ist dieser Weg oft deutlich attraktiver. Während für ein Studium oft Gebühren anfallen, wird die Fortbildung zum Meister massiv staatlich gefördert. Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks werden mit dem Aufstiegs-BAföG bis zu 75 Prozent der gesamten Kosten als Zuschuss gewährt, der nicht zurückgezahlt werden muss. Zudem öffnet ein Meisterbrief den Weg zu einem Hochschulstudium – auch ohne Abitur. Er ist also keine Sackgasse, sondern ein starkes Fundament mit vielfältigen Anschlussmöglichkeiten.
Der erste und wichtigste Schritt auf diesem Weg ist eine ehrliche Bestandsaufnahme Ihrer bereits vorhandenen Kompetenzen. Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten zu strukturieren, um die für Sie passende Validierungsstrategie zu entwickeln und endlich die formale Anerkennung für Ihre harte Arbeit zu erhalten.